ALTSTADT 2022

paranoide Straßenfluchten ohne Aussicht auf Therapie
selbst die Konzilianz des Waschbetons weiß keinen Ausweg
indirekt entgegenkommend
die Gründerzeitfassaden runzeln die Stirn und
schauen einen nie direkt an und

hier kommt es wieder
das Leben geht vorbei
auch auf der Straße und
schielt dich böse an schräg von der Seite

bloß die Dummheit weiß Bescheid
wie immer
und brummt wichtig vorüber im SUV

die Toten allein sind im Geiste gegenwärtig
sind allüberall und gleichzeitig abwesend
wenn auch der Geist längst abgestorben ist
in euch und

mitten im untoten Leben der Bonner Altstadt
verborgen in der unberechenbaren Korrelation der Quanten
verbleibt vielleicht ein Rest von dir
Jutta

stelle ich mir versuchsweise vor und
wirke dabei gegenwärtig
wieder mal wie irgendwie
geistig abwesend

VERTANE ZEIT

Im Stein schläft ein Gesicht, das sie allein versteht.
Die Kieselsteinchen im Beton: ein Strand, wo nichts mehr geht.

Das Meer erstarrt vor Schreck vor mir, dem Menschen, und sendet Tsunamis der Hoffnungslosigkeit an Land.

Doch bricht das Eis; das Meer gewinnt an Kraft – mag sein, dass es das Schreckgespenst, den Menschen, sich vom Halse schafft.

AN DER OBERFLÄCHE

Das Höchste: das Licht am Himmel.
Zutiefst – die Wut im Bauch;
Zersetzung des Vorgefundenen;
Metabolismus der Wurzel.
Dazwischen der Gedanke –

ist die Farbe, die entsteht im nachdenklichen Reflex des Lichts, der sich festhält im Gewebe, das das Dunkel um sich gesponnen hat und nichts als Oberfläche ist und von sich sagt: ICH bin es, was denkt – fast so, als wäre es für sich mit sich allein und existierte auch ohne Fleisch und Blut und das Knochengerüst und die Raucherlunge und den Stock beim Gehen.

Dass aber der Gedanke gehen kann, indem selbst der Lahme schreibt, liegt daran, dass das Wort noch lebt und ihn vor sich her treibt. Erst wenn uns die Worte ausgehen, werden wir einsam zurückbleiben. Dann sind wir der Welt verlorengegangen.

BEWEISAUFNAHME

Fallbeschleunigung –
ja: Vollbeschleunigung
ist angesagt
wegen Zeitnot am Boden.

Das Ende ist sicher,
soviel weiß man.
Der Ausgang bleibt verschlossen,
der Richterspruch offen.

Am Anfang war nur ein Verdacht,
der sich erst unter Gravitation
zur Gewissheit von Existenz verdichtete.
Den endgültige Beweis deiner Schuld liefert die Welt!

Doch nicht erst oder nur du,
selbst schon die Himmelskörper spinnen,
indem sie sich um eine Achse drehen,
der man ausgeliefert ist.

Die Achse ist der Dreh der Natur, der bewirkt,
dass der Einzelfall schräg gelagert ist,
und dass es Jahreszeiten gibt in der Welt;
und dass sich alles immer nur um das Eine dreht …

Und dass wir das Eine,
wonach wir suchen,
nicht finden.
weil das Geheimnis in der Achse ruht.

Serenade mit Igel

Am Straßenrand nach Endenich nachts wieder Igel. Wenn man sich ihnen nähert, rollen sie sich nicht zusammen, sondern rascheln munter weiter im Gras zwischen faulenden Blättern unterm blühenden Unkraut eines schmiedeeisern umzäunten Vorgärtleins, über dem halbverschleiert von im Wind schaukelnden Birkenruten eine würdevolle Stilfassade von ansehnlichem Alter ihre ziemlich weitläufigen Ansichten von bürgerlicher Gediegenheit ausbreitet. Es folgt eine gepflegte Wohnanlage aus den Sechzigern, der Zeit des Provisoriums, als Bonn auch schon immer mehr gewesen war als eine junge Bundeshauptstadt. Sie steht komplex geschichtet in mehreren schräggestellten Langhäusern als schlichtes Sägezahnmuster mitten in der Wiese, aber die offene Mitte spiegelt sich in einem kleinen Park, wo nie jemand ist, außer vielleicht mal wieder dem Igel, der mich grüßt wie noch einen anderen alten, bemoosten Bekannten. „Lange nicht gesehen, Alter!“ kichert er und rülpst. Mümmelt an irgendwas, das nicht essbar aussieht. „Wie wär’s denn zur Abwechslung mit Pizza?“ schlage ich vor. „Kein Problem“, sagt er, „bring her!“ – „Also, du musst schon mitkommen“, widerspreche ich, „sonst esse ich sie alleine auf.“ Er sitzt jetzt aufrecht und mümmelt. „Was ist überhaupt Pizza?“ kichert er noch, schon in meiner weiten Jackentasche verstaut.

Im Restaurant in Endenich bestelle ich zweimal Pizza und zwei Bier. Dann setze ich den Igel vor mir auf den Tisch. Der Igel schaut sich um. Die Kellnerin fällt mit spitzem Schrei im Stehen in eine ohnmachtsähnliche Starre und starrt entsetzt abwechselnd meinen Freund und mich an und sich wie hilfesuchend um. Ich schaue abwechselnd den Igel und die Kellnerin an. Der Igel schaut abwechselnd die Kellnerin und mich an. Die Kellnerin schreit wieder, spitzer. Eine Dame am Nebentisch nimmt das Thema gekonnt auf, skandiert schrill ein hysterisches Lachen in den mittlerweile überall verstummten Raum und ruft „wie süß, holt die Polizei“. Endlich kommt der Besitzer. Der Besitzer ist sehr Italiener, stämmig untersetzt, hat Haare auf Brust und Stimme und ist schon ganz rot im Gesicht. „Cool bleiben, Alter“, sagt jetzt der Igel und knabbert am Tischtuch. „Cool soll ich bleiben“, versetzt der Besitzer und dröhnt, „wenn Sie mir langhaarige Typen wie den da“ – er zeigt mit behaartem Zeigewurstfinger auf mich – „ins Haus schleppen, der Leute wie Sie aus der Tasche zieht?“ – „Haben sie was gegen Igel?“ fragt jetzt beleidigt der Igel und igelt sich ein. Die Bedienung erwacht aus ihrer Starre, noch ganz klapprig um die Nase und auf den Beinen blass, und geht erst mal pinkeln. Ich bin mittlerweile ein bisschen nervös und zünde mir erst einmal eine Zigarette an. „Moment mal!“ – der rote Besitzer schwillt stark an und kreuzt die Arme betont langsam, ja fast feierlich über der Brust – „Hier ist Rauchen verboten! Sagen Sie maaal… ja, also, was sind Sie denn eigentlich für ein Typ… Sie… Sie sind ja… Sie sind ja wohl…“ – „Jawohl mein Herr, Sie haben mich wohl erkannt, vermute ich. Ich bin tatsächlich Takaharu Sirtaki, der achtfache und amtierende Weltmeister im Schattenboxen“, gebe ich versuchsweise zu, zwar ohne mir recht Hoffnung zu machen, ihn damit beeindrucken zu können. – „Wo bleibt die Pizza?!“ ließ sich hier dumpf der immer noch vorsichtshalber zusammengerollte Igel vernehmen – glücklicherweise, denn der Wirt drehte sich nun kurz in Richtung Küche, um seine mittlerweile bühnenreife Gemütsverfassung vorab erstmal in Form einer Serenade italienischer Flüche vom Feinsten zu Protokoll zu geben, wohl damit man sich dann über nichts mehr wundern sollte, was jetzt wahrscheinlich noch passieren würde. Ich wartete lieber nicht ab, was daraus folgte, sondern nutzte die momentane Verwirrung, um den Hut zu krallen und das Weite zu suchen. Der arme Igel blieb leider in der Eile in seiner pieksigen Kugelform zurück.

Ein Polizeiauto lärmt weit weg hinter mir vorbei, als ich die Tür zur Harmonie aufstoße. Hier, vorn am Säufertisch, kann ich rauchen, bin in Harmonie mit mir und mit der Endenicher Harmonie und mit Endenich. Jetzt, beim Rauchen, tut mir der geschwollene Wirt plötzlich leid. Falls er diese Geschichte wirklich den Bullen erzählen sollte, kriegt er eine Anzeige wegen Verarschung sogenannter Respektspersonen. Doch die gute Musik aus den Sechzigerjahren hellt meine Laune bald schon beträchtlich auf. War schon ein echtes Erlebnis, finde ich nun nachträglich, mal wieder zu zweit in ein richtiges Restaurant zu gehen, so mit weißem Damast auf allen Tischen und mit versilberten Kandelabern darauf und mit falschem Silberbesteck, und mit dem Silberblick des Monds im Sack nach dem gelungenen Einbruchdiebstahl und einem sonnigen Grinsen verzehre ich eine Frikadelle mit Fritten, während von jenseits der Theke Deep Purple im Basslautsprecher wummert.

Auf dem Heimweg stoppt plötzlich ein Streifenwagen neben mir. „Sie brauchen nicht zufällig einen Igel?“ fragt ein freundlicher Polizist. „Klar“, sage ich – „immer schon!“, und verstaue den Igel in der Jackentasche. „Danke, und gute Nacht, dann“ … „Und was ist noch überhaupt Pizza?“ kichert der Igel als wir alleine sind. Auf der Wiese setze ich ihn wieder ab. „Cooles Ristorante, Alter“, sagt er zum Abschied. „Das machen wir wieder!“

Mehr ist nicht zu sagen.

Buddhas Lachen

Das siedende Fett sprudelt und trommelt prasselnde Wirbel gegen die Metallpfanne des Kochs im Viet-Thai Kiosk an der Ecke vor der Viktoriabrücke. Ich bin allein mit einem lustigen Buddha, während es nebenan in der Küche brutzelt – die kleine Figur auf güldenem Thron am Boden vor der Theke wirft die Arme und lacht, wie um mich an das Eine zu erinnern, was man als echter Buddhist weiß: dass weder Geist noch Materie jedes für sich allein und auch beide gemeinsam nicht ausreichen, das Geheimnis eines Moments zu erfassen, sondern ein Drittes hinzukommen muss, damit aus zwei Gegensätzen eine Wirklichkeit wird; und das ist allerdings nichts weiter und nichts Gewichtigeres als das Nichts; also meinetwegen Gott, über den ich auch nichts weiß; außer dass es mich glücklich machen würde, wenn ich wüsste, dass sie jetzt lachen muss.

Was mich dann aber, wenig später, einen Moment lang wirklich glücklich macht, ist wie die Vögel singen – im Park um die Ecke, wo ich auf meiner Bank sitze und zuschaue, wie Hunde spielen und wie Herrchen den Affen machen, damit ihr Hundchen lernt, sich dementsprechend zu benehmen. Bring das Stöckchen! Der Mensch denkt, der Hund lenkt gekonnt die Aufmerksamkeit auf sich und schnuppert. Er weiß genau, in welcher Tasche seine Leckerli sind. Dann fällt mir plötzlich auf, dass mein Knie beim Gehen vorhin gar nicht geschmerzt hatte; und ich stehe auf, gehe versuchsweise auf und ab und probiere eine Weile lang, ob es eine Art zu gehen gäbe, die nicht schmerzt und die man nur fände, wenn man dabei nicht daran denken würde, dass es überhaupt schmerzen könnte. Doch wie sehr ich mich auch darauf konzentriere, an nichts zu denken, kommen die Schmerzen jetzt zurück. Setze mich wieder hin.

Der Herbst ist voll vielversprechender Ansätze – so wie die leere Bank gegenüber, auf der Niemand sitzt, und voller Kastanien und Lebkuchenherzen – und hütet ihr Geheimnis; und dann wieder ein Lachen im Gemisch des Spätnachmittags im Park um die Ecke.

NACHT

ich seh den Weg im Dunkeln
und komme nicht recht voran
die Nacht enthält wie ein Gespenst den Floh Gedanken
die Bastille stürmt der Krieg greift an
damit er Furchen ziehen kann

alles halb offen gelegt wie ein Blatt Karten
das einem eingeschlafenen Spieler aus der Hand gefallen ist
auf einem Gemälde von Rembrandt
die Nacht deckt es bald wieder zu

INNERE AUSWANDERUNG

Im Lauf der Zeit geht sie verloren und kehrt allein in sich zurück.

Ich liege auf meinem Sofa, und auf meinem Nabel steht das winzige Sofa des Selbst, das herauslugt. Im Radio Tonscherben vom Cembalo, und noch ein Getöse von Edgar Varese … Musik ist noch eine Seele, die man von innen hört.

Die innere Stimme trat von außen an uns heran.

Die Nacht tritt allein zu dir ein und ist sogar unbewaffnet. Allenfalls eine kleine weiße Katze mit einem schwarzen Ohr, die aus der Nachbarschaft durch den Garten auf die Mauer und über den Balkon zu Besuch kommt wie ein Bild der Nacht, neugierig auf dich.

Bilder der Nacht … unter den Truppen der Erinnerung Strandgut eines Meeres, das deine Füße umspült …

Ein Vorgang wiederholt sich ohne erkennbar zu werden. In seiner Wiederholbarkeit liegt das Geheimnis flüchtiger Struktur als stumme Botschaft unentzifferter Zeit, das Rätsel der Identität in selbstumkreisendem Widerspruch, das im Spiegel ein Rad erkennt;

und eine Tür bleibt offen, und eine Brise vom Meer weht herein. Du spürst wieder Salz auf der Zunge, und jemand tritt leise heran und legt dir fast die Hand auf die Schulter. Wir bleiben stumm zurück wie eine Schrift.

Ich bin eine sprechende Tapete, die ihre Mauer liebt.

Das System hastet vorüber in fahriger Euphorie. In serieller Befriedlichkeit abgezählter Zahlungsempfänger sitzen sie in Verkehrsmitteln, portable Beichtstühle am Ohr.

Szenen zum Überholen in monotoner Reihe … der Knopf in jedem zweiten Ohr ist echt – immerhin.

Der Bediener aber wird von dem Bedienfeld bedient, das er bedient.

Die Haltestelle spuckt mich aus – ich bin auf dem Mond! Ich bin bei Euch angekommen: in den hängenden Gärten des Internet findet die öffentliche Versteinerung des Sachverhalts statt – Millionen sind gekommen; so wie ich hier bin, der Gegenspieler: Narr zu sein.

Schwarze Münze des Wahnsinns – wir zählen dich täglich!

Meine Worte sind taub. Sie wollen nicht verstehen,
was längst Gewohnheit ist –
das Wort führt Klage gegen sich!

Wer wollte die Gottesfurche ausbügeln?
Die Banane des Fortschritts pflücken, statt sie immer höher zu hängen?

Verreckte Gnaden seh ich hinter jeder Tür…

Die Marionette der Autonomie.
Die Narzisse des Altruismus.
Das Zäpfchen der Erleuchtung.
Die Kloake des Humanismus.
Die Geschlossene der Freiheit.

Der Leichengestank aus dem Eintopf letzter Wahrheiten enthält zum Trost der Suchenden Lachgas.

Kein Traum ist der Tod.

Ich liege auf meinem Sofa, und auf meinem Nabel steht das winzige Sofa des Selbst, das sich ausruht. Zum Tag des offenen Grabens zärtliche Gefühle?

Dadurch wird es nicht besser, das kann ich Ihnen sagen. Reicht nicht ein Schwein allein, müssen es zwei sein oder ein ganzes Magazin. Du sollst nicht Ruhe finden in dir, und umsonst wirst du um Gnade winseln und stöhnen.

Wir verrechnen die toten Ideen und sind der Rest unterm Strich.

Einkaufszeilen

Im Eingangsbereich des neuen Einkaufsparadieses, von der Straße, die ich Endenicher Verzweiflung nenne, in Richtung Endenich gesehen, rechts um die Ecke mit der Tankstelle vorm alten Bunker gelegen – hinter dir, jenseits der vierspurigen Fahrbahn, die Porzellanklinik in rotem Klinker mit Zierrat der Gründerzeit und dem alten Magnolienbaum, der, jetzt harsch verschneit und nackt, furchtlos und gelassen auf den launigen April wartet – herrscht plötzlich Gedränge. Ohne Eile inmitten der Hast kommt mir ein Paar alter Leutchen entgegen und trennt sich genau vor meinen Füßen.

Ich wünsche ewiges Leben, sagt er zum Abschied.
Aber hoffentlich nicht so bald, entgegnet sie.

Ich lade mich auf mit gewichtigen Taschen voller Lebensmittel und einer Flasche teurem Wein, kaufe mir Tabak, strebe dem Ausgang zu.

Rechts an der Wand in der Eingangshalle, scheinbar auf jemanden wartend, steht ein junges Mädchen mit furchtsamen braunen Kaninchenaugen und hält auf beiden Armen einen Kleintierkäfig vor der Brust fest. Scheu schaut sie durchs Gitter. Ob sie mich gesehen hat?

Ein Narr ist jemand, der zu kleine Schuhe anzieht und findet, dass sie zu groß sind für einen kleinen Narren wie ihn.

Ich sah den alten Bunker grinsen.

Da passen Sie doch gar nicht rein, sprach der Narr mit ernster Miene und deutete auf den Käfig. – Ich hörte weg und ging nach Hause. Was gehen mich die Narren an mit ihren kleinen Schuhen, die eine Nummer zu groß sind für mich.

STERN

Den Vollmond schauen,
wenn er gegen Mitternacht im Süden fern erblüht in seinem Schimmer über den Dächern und der Kirchturmspitze,

heißt ihn zu spüren wie eine fernere Abwesenheit jenseits des
Bildhorizonts – denn unter deinen Füßen Richtung Norden
iegt dein Stern.

Und wessen Abglanz sind wir?
Wer bist du hinter dem letzten Horizont – Licht meiner Seele?
Wer bist du, liebste Trauer?

Unter dem silbernen Mond heute Nacht stand die Tür zur Grabkammer offen.