AM ENDE NICHTS ALS ENDENICH

meinem Veedel

Wenn Gott aus meinen Zeilen träte,
stünd‘ er vielleicht vor meiner Tür; und
„Täter!!“ zu mir sagen täte er: „Komm her!“
Und gleich verstürb‘ ich sicherlich, verblich.

Zurück blieb nichts als Endenich;
und auf dem Weg der Straßenstrich.
In Endenich verende ich und fänd‘ kein Ende nicht,
woanders als in Endenich.

Ich weiß, der Welt wär’s einerlei.
Bloß die Moral von der Geschicht‘
verstünd‘ sich anders bis zum Ende nicht:
Mensch, Endenich! Sonst isses vorbei.

Foto: Die Endenicher Burg, Stadtteilbibliothek von Endenich

Im Ernst mal jetzt

Dass mit dem Zeitgeist nicht zu spaßen sei,
bringt man uns auf der Straße bei.
Schon darum hüt‘ ich mich beim Schreiben
davor, nicht ernst zu bleiben,
wenn es um das geht, was uns alle angeht,
sich trotzdem unentwegt nur um den eig’nen Nabel dreht,
in neuen Windungen vergeht und anders wieder aufersteht –
noch einmal schneller, bis das Rad stillsteht.

Nur was man aufschreibt ist, was jeweils übrigbleibt.
Am Weg zurück bleibt, was der Antrieb abreibt
und sich der Zeitgeist einverleibt.

Es ist die Zeit ein Geist, den Hunger treibt –
der dich von außen greift,
von innen reift
und endlich frisst,
wenn du soweit und sie dich leid ist.

TINITUSSERENADE

Der Rentierknochenfingerhut des Tlingit klingelt,
bis sich vor Wut der Himmel um den Zeigefinger ringelt.
Ich geh zur Tür und öffne, weil ich wohl öffnen muss.
Da steht der Häuptling Tinitus!
Er steht bewusst auf einem Fuß,
dann hebt er ihn und schwebt
gemächlich
weiter…

KAFKA KOMMT WIEDER ZU SPÄT

wenn grau die Wolken hangen
und nimmermehr Verlangen
die Orgelfuge dröhnt ins Ohr
ein grüner Drache drängt durchs Tor

es war einmal ein Schläfer
der seinen Wecker überschlief
er wachte auf und war ein Käfer
als ihn sein Chef anrief

AN DAS LICHT

Ich wär so gern die Katze auf deinem Arm
und du wärst mein Baum
und hieltest mich gleichzeitig warm
ein Leben lang
bis in den letzten Traum

im bunten Funkeln der Ranunkeln bleibst du Gestalt
trittst mir entgegen als mein Weg und gibst mir Halt
und noch im Dunkeln
wenn dein Schritt verhallt
bis in die feinsten Runzeln im Asphalt

SO NETT FÜR CLAUDIA

Der Herr ist mein Jud:
im nahen Osten dräut er;
schickt Wolken über Wolken her –
s’wird doch nicht regnen!?

Mein Herz ist auf der Hut.
Im Westen verlor sich die Spur;
es schaukelt die Alte Liebe nur
am Ufer unterm Treppchen.

Der Frühling will beginnen –
es ist bald ausgestanden;
die Kälte schon vergangen.

Lass Osterglocken klingeln,
der Herr sei aufgestanden
und ins Café gegangen.

VERTANE ZEIT

Im Stein schläft ein Gesicht, das sie allein versteht.
Die Kieselsteinchen im Beton: ein Strand, wo nichts mehr geht.

Das Meer erstarrt vor Schreck vor mir, dem Menschen, und sendet Tsunamis der Hoffnungslosigkeit an Land.

Doch bricht das Eis; das Meer gewinnt an Kraft – mag sein, dass es das Schreckgespenst, den Menschen, sich vom Halse schafft.

EISWELLE

lila Narzissen im Gras der Sekunde,
Oxymerie am Metaphoron – Sünde:

Heumond schäumt nackt im Genick.

Vaterhandzeigerland von Herzen wunde,
aus leeren Himmeln friss du der Stunde

Finsterblick knüppelsackdick.

nur wenig hätte gefehlt – Fingermonde
im Sand – zwiespältiger blauere Abende

und dornig im Wortlaub Musik.

Gangarten

Ich gehe öfters vor und manchmal nach
und geh immer um und um;
geh vor die Tür zum Rauchen,
geh möglichst aus dem Weg,
geh lieber vor die Hunde;
gehe nicht mit der Mode und
geh selten nach Hause,
sondern geh auf die Nerven
oder geh auf die Bank;
gehe bis an die Grenze;
gehe ans Eingemachte;
gehe den Bach herunter;
gehe aufs Ganze oder aufs Amt, wie es kommt,
oder gehe zum Arzt oder zur Arbeit,
geh meiner Wege und geh bald zur Neige –
gehe dahin. Say Good Bye!

Ich geh in die Knie
und gehe entzwei,
geh über die Wupper
und ging rasch vorbei.

Warum ich an das Wort glaube

Wer an das Wort glaubt wird nicht ausgeraubt
Es hat sich selbst ins Ungemach geschraubt
Es hat den Regenwald entlaubt und sich am Großhirn festgesaugt
Es hat den Boden ausgelaugt und Grund auf Wüstensand gebaut
Es hat ins Neue Land geschaut und sich den Weg dorthin verbaut
Es liegt im Jenseits angestaut
Wer an das Wort glaubt wird nicht ausgeraubt