TRAUMVATER

in der seidenen Muschel des Schlafs
am dünnen Faden des Traums mit dem Kopf nach unten hängend
wie an der Nabelschnur
wird mein Herz wieder ruhen
in Dir

auch das Licht hat hier hereingeschaut und nichts gesehen
aber das Dunkel hat mich mit geschlossenen Augen erkannt

Traumvater
ich bin gezweit seit Urzeiten in Dir
wie das Ypsilon in meinen Genen
bin ich dein

TRAUMREISE

Eine neue Einsamkeit ist mir aufgegangen. Mein Traum ist ausgezogen, wohnt neuerdings wie die Reichen am Poppelsdorfer Weiher und fährt ohne mich nach Prag, nach Padova und Palermo oder übers Wochenende nach Paris, um Aperitifs und Luxushotels zu probieren, in Straßencafés zu sitzen und vorm Louvre Selfies zu verschicken.

Ich bleib allein zu Haus. Wird er je wiederkommen – oder wird er immer weiterreisen, ganz weg von seinem neuerlichen Dasein, von Stadt zu Stadt, bis er ganz und gar vergangen ist und aufgehoben in einem Traum von Bild?!

Und ich war doch so naiv gewesen zu glauben, dass es für immer sein würde zwischen uns – aber so sind die Träume! Sie belügen uns und betrügen uns mit ihren Träumereien und sind sowieso auf und davon, bevor der nächste Morgen graut.

Leere Hände

Er nahm das Wort und brach es
Da schlüpfte eine Stille aus und machte die Runde
Sie kam zu dir und auch zu mir und ließ sich nieder
Und ich hörte sie sagen

Was du liebtest
Mensch
zerfiel zu Staub
Doch einzig die Liebe ist über Kritik erhaben

Wie der Engel des Todes eilen wir uns selbst aus der Zukunft entgegen
leere Hände reckend

Herbstandacht

Meiner Herzensfreundin Irmgard gewidmet

Die Nacht aus der Stirn geschüttelt wie aus Kronen –
so nutzlos fallen nur Könige;
fällt mir der Herbst ins Wort mit schweigenderen Blättern;
fällt eine Träne auf der Greisin Morgenandacht;
fällst du mir wieder ein für die ich schreibe,
um nicht allein zu sein.

Irmchen

Meine Abschiedsrede auf Irmchen, gehalten beim Begräbnis am 22.3.2024 in der Niederbachemer Friedhofskapelle

Zu berichten wäre, dass wir uns nur ziemlich genau sieben Jahre lang kannten – erst im Februar 2017 hatten wir uns eines denkwürdigen Mittags durch den sogenannten Zufall in der Cafetaria des Johanniterkrankenhauses kennengelernt, wo sie sich zu meiner Freundin Friederike und mir zum Essen an den Tisch setzte und mir auf den ersten Blick vertraut vorkam. Wir verstanden uns direkt und ohne Anhieb, und ich erinnere mich, dass ich ihr gleich einen Spaß namens „Photon und Schwein“ um die Ohren haute, um mich als Autor vorzustellen, und wie sie es genoss. Sie war ein einziges Lachen; völlig unbefangen und insbesondere nicht umfangen von jener Art von geistiger Befangenheit, die man erlernt hat, und die einen in falsche Sicherheiten wiegt, die man allgemein für Gewissheit hält; einsichtig wie das Lachen Buddhas und der Sinn für Ironie, der uns verband, denn hier waren wir uns einig: Kunst ist das Einzige, was uns rettet vor unserem Verstand, der aufpasst und sich scharf bewacht, weil Gewissheit ein Gefängnis ist, in dem der Wärter einsitzt. Sie blieb bis zuletzt dem Lebendigen und dem Lesen zugewandt, mit einem wachen Geist, der die Nähe des Gedankens mit dem Herzen suchte und spürte und einer unstillbaren Sehnsucht nach Wahrheit. In den Worten von Rose Ausländer, die sie mir eine Woche vor ihrem Tod noch mailte:

Sehnsucht

Vom Tod umworben
ich sehne mich
nach vollerem Leben
nach Gesprächen
mit nahen Menschen
nach Worten die 
eine neue Wirklichkeit
zaubern
nach meinem verborgenen Ich
das hinter der Zeit
das Wesen der Welt
manchmal ahnt.

Ich hatte noch eine lange Zeit im Krankenhaus und daran anschließender Rehabilitation in einer Klinik in der Eifel vor mir, aber wir tauschten E-Mail-Adressen aus. Ich hatte eine verwandte Seele gefunden und erzählte ihr bald alles. Danach trafen wir uns öfters wieder, weil sie lebhaft Anteil nahm am literarischen Betrieb, wo ich selber immer mal wieder auf dem Programm stand, und weil ich sie jetzt bald auch immer mal wieder auf dem Rodderberg besuchte. Spaziergänge im Herbst am Rhein, wenn die Ahornbäume bunt werden wie alberne Clowns und unter Kastanienbäumen winzige Herzen hüpfen, um anzuklopfen; oder sommerliche Nachmittage auf Irmchens Terrasse. Die beste Konditorei von Bonn liegt in Mehlem; und auch im Eiscafé an der Mehlemer Kirche kannten sie uns. Wir saßen auch gemeinsam in der Kreuzbergkapelle und anderswo und lauschten kirchlichen Konzerten. Ich mag die spitz in den Himmel stechenden Türme der rheinischen Backsteingotik im Stadtbild, die mich an meine eigene Herkunft und Geschichte erinnern, die ein Teil von mir sind; und mir lag an ihr gerade das Traditionszugewandte, das jenseits vom Katholischen in jener tieferen Heimat wurzelte, der die Kunst der Fuge wie die der Maurer und Maler gilt, und das jenseits von Kunst stets nach Wahrheit suchte. Wir hatten unser Thema gefunden, und ich wieder so etwas wie Heimat – lange verloren, neu gesprossen am Rodderberg bei Mehlem. Mein letztes Buch wäre ohne ihre tatkräftige Anteilnahme, finanzielle Unterstützung und gestalterische Mithilfe nicht zustande gekommen.

Ich wünsche ihr, dass sie das Ziel der Reise erreicht hat und in den Schoß der Heimat zurückgekehrt ist, und dass Gott ihr die Schulter leiht zum Anlehnen, und dass seine Zärtlichkeit sie umfängt als die allerletzte Wahrheit.

Montag, 18. November

für Irmgard, in deren Andenken wir uns am Vortag getroffen hatten

Vielen Dank für Gestern, Irmgard. Heute war mir so kalt ohne deine geliebte Wolljacke im Büro, dass ich eben ein zweites Euro-Jackpot-Los für morgen gekauft habe. Aber selbst 120 Millionen würden mich nicht retten vor dem, was kommt.

Der Geruch von gebratener Ente beim Vietnamesen mischt sich mit dem Stresshormon Cortison, das ich aus einer Sprühflasche einatme, zu einem neuen Befremden über alles, was ich fühle.

Die Suppe heiß und würzig, der Schmerz sanft, süß und tödlich, die Liebe abwesend wie immer, die Zärtlichkeit so unabweisbar wie die Trauer, die den Sieg davonträgt.

Wenn aber das Natterngezücht meiner Wollust sich spreizt, zischt es aus altersfahlen Ventilen wie aus dem Schlund zur inneren Hölle, die mich verschlingen will und sich lautstark verrät durch Ausfurzungen der Selbstlosigkeit Luzifers, der Sprache werden möchte, damit wir ihm verzeihen: ÜLPS – das war ich!

Meine Untreue, meine Feigheit und Trägheit, sowie meine Geilheit, halten Jüngstes Gerücht über mich. Die haben keine Ahnung von mir; aber als verklemmtes Opfer katholischer Erziehung bin ich Gerüchten gegenüber von Kindheit an immer aufgeschlossen gewesen. Sie haben mich geprägt, verfolgt, gepackt, geschüttelt und durchgerüttelt, bis ich sie abgeschüttelt, also Kunst daraus gemacht hatte – Kunst macht man aus dem Scheitern, indem man die Scherben zusammenfügt zu einem neuen Bild, in dem der letzte Blick dem offenen Himmel gilt, wo ich jetzt Irmchen lachen sehe; und dies ist der Moment, sich zu verneigen.

Ich liebe dich, meine allerliebste Leserin im Himmel, und höre deinen stummen Applaus.

SO NETT FÜR CLAUDIA

Der Herr ist mein Jud:
im nahen Osten dräut er;
schickt Wolken über Wolken her –
s’wird doch nicht regnen!?

Mein Herz ist auf der Hut.
Im Westen verlor sich die Spur;
es schaukelt die Alte Liebe nur
am Ufer unterm Treppchen.

Der Frühling will beginnen –
es ist bald ausgestanden;
die Kälte schon vergangen.

Lass Osterglocken klingeln,
der Herr sei aufgestanden
und ins Café gegangen.

GNADENGESUCH

Wenn der Dichter die Worte zur Nachtseite hin kehrt –
hellhörig ist er vom Schweigen der Keller,
und nicht, wie die Leute sagen,
reich an innerem Leben.

Den goldenen Stift hält die stets bleichere Klaue.
Nimmermehrdorn pocht in der Schläfe.
Traumhort, im kalten Schleim verdorrt –
fort; immerfort:

Ach lass mich doch,
bevor ich mit den Treibern ziehe,
dem schwarzen Fisch ein Wort entwinden,
im Feuerstaub zu Boden sinken.

TOTSAGUNG

Von sich aus ist die Leere bewusstlos;
und unterm Himbeereis abseits der öde kalte Mond
die tote Zeit –
so jäh wie Ewigkeiten waren,
für immer schon vergangen.

Dem König neigt sich Brechreiz;
zu toten Hosen aufgestapelt Hohn.
Er spürt Verlangen, eilt auf den Balkon und schaut ihr nach:
das Leben ist vorbeigegangen!
Aus allen Fenstern hängt der tote Sohn.

LETZTE BOTSCHAFT

„Rose, oh reiner Widerspruch, Lust, Niemandes Schlaf zu sein unter so viel Lidern.“ Rainer Maria Rilke, Grabinschrift

Der Schatten eines Engels fiel auf mich dieser Tage, während ein später Sonnenstrahl gegenüber zerstreut auf den müden Fassaden spielte, die wegschauten, als wäre nichts weiter zu sagen –

nur dieses plötzliche Verlangen, Lust, Niemandes Schlaf zu sein – hinter so vielen herabgelassenen Rolläden; in so vielen vergessenen Zimmern…

Dieser zugeschnürte Karton voll halbvergilbter Briefe unterm Bett war ich. Die letzte Botschaft ging verloren; der Schatten zog weiter.

Foto: Straße in der Bonner Südstadt

Foto: Straße in der Bonner Südstadt