Das gespenstische Ballett des Zufalls im Welttheater Der Mensch als Geschichte Die Quanten verschränkt Die Hände gefaltet
Die Wellenfunktion der Geschichte nach Schrödinger ist die Fouriertransformation des faktischen Schlamassels in den gefühlten Frequenzraum des Subjektiven
Der Detektor bist du Der Verstand benebelt vom Wort Die Vorstellung beschränkt und Das Hirn gleichgeschaltet
Die Messkanäle des Beobachters sind definiert durch seine geistige Befangenheit
Ich bin gefühlt die Schlange und lade dich ein Im Wiegen sich enger um dich windender Wendungen Zum Biss in den Apfel vom längst gefällten Baum Dass das vergeblich ist liegt auf der Hand Ähnlich wie dein Smartphone das klüger ist als du
Schau zu wie die Dämonen tanzen Sie sind die Global Players die sich die Beute teilen Und sich weiter bereichern an jedem Krieg Der geführt wird gegen die Armen der Welt Weil es keinen Sieger gibt in diesem Theater Als den Krieg
wer ließ sich nicht entwegen in dieser ausweglosen Zeit der Verkehr kommt sich verkehrtherum entgegen und überall geht Niemand auf den Straßen unentwegt
Ihren Existenzberechtigungsnachweis bitte mit Fingerabdruck Überleben ist Privileg und die sich nicht freikaufen konnten sangen im Feuerchor sangen das Hohe Dein zornigstes sangen das Aschelied
den Tod umsonst und ein Wort entgegen das den Vogel wieder auf die Hand nimmt
Paternoster immer im Kreis herum unseren täglichen Längengrad gib uns heute und einen guten Meridionaldurchgang und erlasse uns unsere Schulden wie auch wir vergeben unserer Nationalmannschaft wenn am Tresen noch mal die allerletzte Runde steigt Prost! das Existential will geschmiert sein damit es nicht quietscht wenn aus leeren Opferstöcken die jeweils Jüngste Bürgschaft quillt
denn Dein ist der Kreis und die Herrschaft und die Pheromone der Motten und die Säge am Knochen und wer die längste Schleimspur hinlegt kommt bekanntlich am weitesten solange alle kriechen
Eingeborene Ausgeburten des Dilemmas taumeln mir auf der Straße entgegen − ganz besoffen von ihren Tablets und immer den Knopf im Ohr, so wie das sein muss, damit man echt ist … irgendwie, und immer mitten aus dem Dingsbums gerissen − ungefähr so wie der Zusammenhang.
Witziger werden wäre mir wichtiger als Wichtiges zu erzählen in Zeiten von Corona; man hätte eh nichts Wichtigeres zu erzählen als lauter Corona, trägt Maske und hat auch nichts anderes zu lachen außer der Wirklichkeit; drum geh ich aus.
Der Autoverkehr stinkt wieder im Schritt neben mir her über die Brücke. Beißt auf die Trense, schaut mich schräg von der Seite an und hat etwas Verschlagenes im Blick. Jenseits der Brücke, den Ring entlang, trennt uns schon eine Reihe besorgter Linden voneinander, aber erst, wenn man am Frankenbad rechts abbiegt, wird es ruhiger.
Jetzt ist man in der Altstadt: statt nur Autos und Verkehr begegnen einem hier auf der Straße auch richtige Menschen. In der Bonner Altstadt ist man gern zu Fuß unterwegs; hier hat man Zeit. Am alten Platz zwar heute nur eine Handvoll der üblichen Verdächtigen – Basti mit seinem Hund, die Frau mit dem christlichen Sendungsauftrag, der eingedellte Alte in seinem Rollstuhl, die lahme Flaschensammlerin aus Sri Lanka, die mich immer drängt, schneller zu trinken, und dabei still in sich hineinlacht, Ralph, der mir jetzt erzählt, dass Franz tot ist. Franz, der Bayer, der gute – ich bin bestürzt und weiß auch gleich: der hat ja fast so viel geraucht wie ich. Genau, meint Ralph: was war da anderes zu erwarten – die Lunge ist kollabiert. Er hustete und spuckte schon Blut. Frank hat noch den Notarztwagen geholt. Eine Stunde später war er tot. – Ich bin erst mal bedient und drehe mir eine, weil auch mir ja schon lange nichts Besseres mehr einfällt. Setze mich auf eine Bank, blicke in die Baumwipfel, in denen der Wind mit dem Licht spielt. Einen Moment lang als Tagtraum blitzt mir das Gesicht von Franz auf, voll stillem Humor; dieses nur wie angedeutete Lächeln, tief eingegraben in zwei Mundwinkel, voll einer Lebenserfahrung, die nicht mal mit der Schulter mehr zuckt.
Eine Seite des Platzes entlang reihen sich jenseits der von Bäumen gesäumten Adolfstraße nostalgische, stuckverzierte Fassaden aus der Gründerzeit. Davor rattert gerade ein blutrotes Rennauto von Bugatti, teures Sammlerstück, Baujahr 1930, vorbei. Auch andere Spinner leben in ihren eingebildeten Vergangenheiten, so wie oft genug auch ich selbst. Gibt es sie denn überhaupt noch: Zukunft. Heutzutage wäre doch jede Utopie Nostalgie. Mutter Erde schürzt ihre Röcke und rollt davon, schneller als all ihre Kinder laufen können. Und sprechen eigentlich diese Pflastersteine von der Geduld der Erde oder von meiner Einsamkeit, wenn sie schweigen.
Ich tappe weiter – tack, tack, tack – an meinem Stock durch die Altstadt. Die beiden Jungs, die mir jetzt entgegenkommen, rasierte Stiernacken, harter Blick, machen im Vorübergehen knapp beiläufig klar, dass Abstandsregeln und Männerstolz sich nicht vertragen. Man weicht aus und tappt auf der Fahrbahn weiter. Zwei Frauen überholen mich und wuchten zwei plumpe Hintern an mir vorbei. Echt jetzt, schimpft die eine: Bonn ist einfach nur tote Hose! Ihre Partnerin pflichtet ihr bei. Ich auch nicht, denke ich; ziehe vorsichtshalber die Maske bis hoch über die Nase.
Wenn man die Heerstraße immer weiter läuft, über die Kölnstraße hinweg, weiter geradeaus durch das Rosental, eine jener zahllosen Baustellen entlang, in denen die Stadt Bonn ihr scheinbar wichtigstes Anliegen vorstellt, das wohl darin bestehen muss, die Bauwirtschaft zu alimentieren, über die Römerstraße und immer weiter geradeaus, zuletzt zunehmend abschüssig durch ein Sträßchen mit bunt bemalten Fassaden aus verschiedenen Zeiten einer längst vergangenen Kleinbürgeridylle, kommt man zum Rhein.
Ich setz mich an einen Biergartentisch unten vorm Schänzchen, schon damit man mir nicht nachsagen kann, ich hätte eine Chance ausgelassen. Oben, die Treppe hoch auf dem Schänzchen, kriegt man ein Bier – ein Weißbier für nur 4,50 € … man nimmt’s zur Kenntnis und reicht dem Keeper einen taufrischen, noch drucksteifen Geldschein an einer Ecke aus spitzen Fingern gestreckt hin zur Annahme. Legen Sie ihn bitte erst auf die Schale, sagt er, und nimmt ihn mit spitzen Fingern an der gegenüberliegenden Ecke wieder auf. Jetzt darf ich zwar zum ersten Mal an diesem trübsinnigen Sonntag lachen, aber natürlich nur verschmitzt und unter der Maske verschwiegen, denn Worte zu verlieren wäre witzlos. Geht man davon aus, was Corona mit den Gehirnen von Leuten anstellt, die es noch gar nicht haben, hat das Virus längst gesiegt. Ich flüchte die Treppe hinab an meinen Tisch.
Ich bin allein – alle anderen Tische sind leer; teils wegen Corona, teils weil die nötige Ruhe im Moment nicht aufkommen mag angesichts des Verkehrs und keinerlei Beschaulichkeit einlädt, ausgerechnet jetzt, zu einem Biergartenbesuch. Sonntagnachmittag. Zu Fuß unterwegs sind jetzt klischeegerecht, wie es sich gehört, etwas mehr als halb so viele Hunde wie Hundebesitzer, meist weiblichen, und Jogger, meist männlichen Geschlechts, zusammengenommen, die knapp in der Minderzahl sind. Familien dagegen immer auf Fahrrädern. Kleinkinder nie ohne standesgemäßen Roller oder Tretmobil. Doch dann schwebt, vielleicht einfach deshalb, weil kein Klischee ohne Ausnahme auskommt, vielleicht auch, weil die Schwerkraft im Moment, mit ihr vorübergehend, aufgehoben war, eine zwölfjährige Elfe aus einem Märchen vorbei, das einer erst schreiben müsste, der das Ziel dieser Schritte voraussähe, ins Trübe träumend wie von Erinnerung an eine frühere Welt, die es nie gegeben hat.
Dieses schlammbraun brackige, zum Drängen gezwungene, wie unwillig zwischen kompromisslos planparallelisierten Ufern Dahinströmende da ist der Rhein. Es gibt noch 2 Vögel. Gegenüber sticht der Kirchturm von Beuel vergeblich spitz in den Himmel, damit er blutet: wir wissen ja, wer an allem schuld ist. Trinken aus. Als ich aufbreche, ist auf einmal ein ganzer Schwarm Rabenkrähen über mir. Schweigend, in raschem Anflug, ihrer Sache sicher. Drehen ab.
Ich tappe zurück – tack, tack, tack – an meinem Stock in die Altstadt, lasse mich in der Heerstraße beim Café de Arte nieder und knabbere Marthas Waffeln mit Zucker und Zimt. Gegenüber die sprechende Nostalgie der Gründerzeitfassaden – Stuck und Ziegel, Häuser, die einen anschauten, wie Glucken auf dir hocken wollten, Heimat versprachen, nichts wussten vom Krieg und noch weniger von der nahenden Klimakatastrophe und davon, was es bedeuten würde, zu sterben in Zeiten von Corona. Irgendwann, denke ich, wird es das letzte Mal sein; aber hier hat man Zeit. Im Aufklaren des Wolkenhimmels jetzt ab und an ein Erinnern an den Sommer, der vorbei ist.
das Tor zur Hölle steht weit offen an diesem Sonntagabend. Der Atem schlurft wie auf Pantinen durch einen Korridor. Die Tumorglocke läutet ihre Absichten aus den löchrig gewordenen Einschalungen der Angst.
Ironie treibt mich voran in kleinen Sprüngen, während der Tod mir voran mit der Grubenlampe den Weg ausleuchtet. Wir erleben den Tanz der Walküre auf dem heißen Blechdach, und keiner schaut dir dabei zu als du selbst und ein anderer armer Teufel, der ein paar Schritte entfernt alleine an der Theke säuft.
Der Marmortümpel Tisch, darin die Kaffeetasse noch halbvoll; ein Elfe Kerzenlicht gibt die Gelegenheit zum Schreiben. Der volle Aschenbecher, ausgetrunken von des Gedankens Augenblick …
Wieviele Kippen waren dir in die Mülltonne vorausgegangen?!
Er ist vom Abstreichen der Stäbchen zu müd, dass er sich aufrecht hält. Ihm ist, als drehte er am Rädchen, und außer Stäbchen gäb es keine Welt.
Wie er da steht in seinem weißen Kittel, und sich im allerkleinsten Kreise dreht, scheint’s so, als wüsste er allein das Mittel, damit der Zirkus auch noch morgen weitergeht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille sich lautlos auf – dann ruft er dich herein, blickt über’n Rand der Brille – und reicht dir deinen Schein.
„Zentrales Warten“ steht auf dem Schild draußen neben der Tür. Ich sitze mit anderen Wartenden maskiert in der Menge und halte auf Abstand. Das ist einem ja nach zwei, drei Jahren Corona doch längst selbstverständlich … Es erscheint mir aber selbst an dieser Stelle eigentlich überflüssig, geht mir durch den Kopf, wie ich da sitze und warte, noch darauf hinzuweisen, dass uns Warten zentral ist. Selbst dann, wenn wir selbst gar nicht wissen, dass und worauf wir noch warten.
Natürlich bin ich nicht ohne Grund hier. Aber allzuviel Mut zu zeigen angesichts dessen, was auf uns zukommt im Krankenhaus und wohl unvermeidlich ist, erscheint mir gleichfalls überflüssig, nachdem mir eine Dame auf Krücken gerade draußen beim Rauchen erzählt hat, wie sie nach drei verpfuschten Hüftoperationen ein um vier Zentimeter kürzeres Bein hat, tagtäglich auf hochdosierte Schmerzmittel angewiesen ist, seit einem der Eingriffe mit einem therapieresistenten Pilz infiziert; und dass sie als nächstes in den Rollstuhl müsse. Und schlimmer: wie sie als Opfer für die Orthopädieabteilung der schwarze Pechvogel ist und mitleidlos aus dem System herausgedrängt wird; wie der Oberarzt nicht mehr ansprechbar ist und die Tür zuschlägt, damit möglichst kein Hahn mehr krähen soll nach dem, was nie passieren kann, weil es ja nicht passiert sein darf.
Ich schaue mich um im Wartebereich. Unter den Masken sind wir einander alle ähnlich geworden – mittlerweile schon fast Familie. Gegenüber auf dem großen Bildschirm läuft wie in einer Schule ein Tierfilm aus dem Zoo – Giraffen hinter Gittern. Der Mensch fühlt sich offenbar zum Wärter berufen – selbst wenn er selber gendert wie ein Papagei im Zirkus; oder wenn er uns über den Maskenrand hinweg scharf mustert und fachmännisch die hinreichende Bedeckung der Nase überprüft. Aus derselben, selber kaum oder nur unzureichend maskierten Distanzlosigkeit weisen wir uns gegenseitig auch auf den korrekten Sitz der Sprache weiter oben über der Nase hin. Wer allzu laut unter der Krise leidet oder die falschen Fragen stellt, statt nachzuplappern, was jeder weiß, kippt allzu leicht über den Rand der geschlossenen Flachwelt der Panik ins Bodenlose der Leere sozialer Ausgrenzung.
Es tritt unter Bedingungen der Pandemie überdeutlich zutage, wie einsam fast alle sind. Man weiß nicht – ist es Angst oder etwas Schlimmeres, was die Augen des jungen Mannes, der vor der Wand gegenüber sitzt, fast unsichtbar macht, selbst wenn er seine muskulösen Arme gerade mal nicht vor der Brust verschränkt, weil er auf sein Handy starrt. Ich sitze im Wartebereich und schaue mich um. Keiner schaut den anderen an. Worauf warten wir?