REGENLAND

Am Himmel ein Engel von unklarer Aussage –
Wolkenformationen wie die Reste eines Kontinents
über der Wasserlinie eines Ozeans von verträumtem Blau, der alles verschlingen und vergessen wird, was war, bevor du an einem letzten Ufer ankämest.

Ein frierender Engel unter vielen, die den Heimweg
nicht mehr finden. Das Wasser steigt und mit dem Regen kommt die Kälte, und mit der Kälte kommst du und klingelst an meiner Tür, durchnässt, frierend. Und jetzt noch einmal, verzweifelter. Vergeblich!

Niemand öffnet, denn ich wohne gar nicht mehr hier.
Bin längst ausgezogen, wenn nicht verstorben und
existiere nur noch auf dem Papier – damit alle wissen:
Niemand wird da sein und die Tür öffnen, dereinst,
wenn der Engel klingelt.

RÜCKKEHR DER SCHLANGE

Sarkophagen nagen am morschen Holz seit Tagen
und bleiben hart wie Stein und Kant.

Der Kesselstein im Herzen schwitzt ein Grauen aus das älter ist als du.
Die Nachtbaumnatter frisst die Amseln und klettert auf die Masten.

Es kommt näher.

Beiläufig gesagt – unter uns:
Das bist du!

Vom Grab Gottes und dem Leben des Geistes

Vom reduktionistischen Standpunkt, der die summa logica des neuen Jahrtausends zu werden verspricht, ist da nichts, objektiv und zweifelsfrei, als bloß der nackte Boden der Materie, was uns zu Füßen liegt und Reduktionisten zu Kopfe steigen kann: kein Anflug von Geist weit und breit ist in den Ergüssen dieser ausgehöhlten Denkform mehr auszumachen. Hier liegt unterm Schutt einstürzender Spekulationen das Grab Gottes, wo alle Gewissheit in Kisten ruht. Kein Weg führt heraus aus diesem System enggeführter Erkenntnis, nicht mal der Tod; als Unruhe, Skandal und Antagonist allen Denkens ist er das System selbst, sein Wesen und sein Schlüssel, der Einlass gewährt in eine Unterwelt schweigender Kryostaten, in denen tiefgekühlte Leichen texanischer Milliardäre auf ihre Wiederkehr im scientologischen Himmel des Reduktionismus warten. Auf der Rückseite der Tür allerdings, die im letzten Jahrhundert mit langem Nachhall ins Schloss gefallen ist, fehlt das Schlüsselloch. Seit Gott in Deutschland gestorben ist, soll der Geist kategorisch kaltgestellt werden. Es steht zu befürchten dass moderne Zeiten fortfahren werden, immer moderner zu werden. Die Perspektive geht auf reine Dekadenz; Geist in Aspik.

Der Geist hingegen, insofern er sich der objektivierenden Selbstkonstruktion anschließt, indem er sich aus dem objektivierten Subjekt ausschließt, hält seinen reduktionistischen Büroschlaf im Untoten da hin kein Wort je dringt; woher auch keines mehr klingt, sieht man vom Gezeter der Broker und der jeweils letzten Schreckensnachricht ab, wo eine Selbstkonstruktion aus Wissen und Willen auf den Terror ihrer selbstverschuldeten Wirklichkeit stößt, in der sie herumspuken muss wie ein Gespenst, das sich eingesperrt hat in eine Welt aus Materie.

Leben hieße: in Resonanz treten, schwingen. Vielleicht sind meine Neuronen so etwas wie die Stimmschrauben in einem Piano. Die Frage ist: ist da ein Pianist? Insofern er abwesend ist, ist sie reiner GEIST. Warum sollte man argumentieren, etwas existiere nicht, das per definitionem abwesend ist – erfahrbar, aber nicht aus Materie? Wenn Materie allein Existenz zukommt, wie es der neue Dogmatismus fordert, wird sich der Geist achselzuckend damit begnügen, dass er lebt. Man hat oft genug versucht, ihn einzuschüchtern, zu vertreiben oder sogar zu verbrennen. Die Waffen des Gegners sind stumpf, geeignet zum Totschlag, aber wenig überzeugend. Fasst man Existenz in dem tautologischen Sinn auf, der dem Reduktionismus wesentlich ist, nämlich als materielle Existenz, ist es tumb tautologisch, der Materie Existenz zuzuordnen – als wollte man Dunkel mit Schatten ausleuchten. Demgegenüber ist es sinnvoller, Materie als objektiven Vordergrund der subjektiven Wahrnehmung aufzufassen. Nicht bloß an ihrer Existenz, an ihrer Unmittelbarkeit und Anwesenheit bestehen keine Zweifel. Ein Abwesendes kann vordergründig nicht existieren und dabei Geist bleiben, der sich der Welt gegenüber im Hintergrund hält. Er genügt sich ganz darin dass er lebt; Existenz hat ihm zufolge meist eher mit Finanzen und dem Arbeitsplatz zu tun, der ihn fast rund um die Uhr beschäftigt, als mit abstrakten Ansichten aus Materie und neuronalen Klaviaturen. Geist lebt mit meinem Verstand und arbeitet hart an ihm. Es ist an ihm zu differenzieren, Zeit zu erfahren und zu leben. Niemand als der Geist selbst soll Auskunft geben, was dem Geist das Leben des Geistes bedeutet. Der Verstand mag im selben Maße eine Idee davon entwickeln, wie aufmerksam er dem Geist zuhört. Diese Idee würde man als Intelligenz, und die Aufmerksamkeit als Intuition bezeichnen; und Intelligenz, insofern, ist lebendiger Verstand. Ist er allerdings in die tödliche Falle der instrumentellen Vernunft getappt, so würde er jetzt mit den Achseln gezuckt und sich Lukrativerem zugewandt haben oder der Oberfläche eines Bildschirms. Er möchte sich seiner Lebendigkeit kaum mehr allzu bewusst werden, während er mühsam verendet, was man beruflich erfolgreich und ein erfülltes Leben nennt und nebenher erklärt, warum es aus dem Netz neuerdings gespenstisch nach dem Fallbeil des Reduktionismus ruft, das unser Denken und Leben vom Geist erlösen soll: insofern nämlich Geist und Leben schon in eins gesetzt sein müssen, um Sinn zu machen. Bis dahin!

Raum ist die Grundeigenschaft, oder besser gesagt, die Substanz, von Materie – als Abstand zwischen Körpern und als deren Ausdehnung. Ebenso allerdings ist Zeit, als ein Abwesendes, Unmaterielles, die Substanz des Geistes – zu messen als der Abstand zweier Ereignisse seiner Beobachtung. Zeit liegt nicht vor Augen wie ein Meter Materie, der unmittelbar da ist. Um sie wahrzunehmen oder zu messen, bedarf es des Vergleichs der Beobachtungen, der Ablesungen der Uhr. Zeit wird sich ihrer im Geist bewusst. Die Substanz ist es, die zu Leben erwacht ist.

Es ist von fundamentalem Interesse sich klarzumachen, wie unlösbar Zeit an den Begriff der Beobachtung geknüpft ist, dem objektivierenden Begreifen des Geistes, der eicht und misst. Jede Zeitspanne bemisst sich als Vielfaches von Einheiten die wiederum Zeitspannen sind, die zwischen Ereignissen der Beobachtung, dem wiederholten Ablesen der Uhr, liegen, die nichts anderes tut als Ereignisse zu zählen. Wir wissen durch die Quantenphysik, dass Beobachtung objektiv in einzelnen Ereignissen vorliegt, die quantisierte Übergänge sind: sie bilden ein Gitter aus diskreten Punkten in Raum und Zeit, die physikalische Raumzeit, die der Relativität der Beobachter unterliegt. Quanten sind es, was die glühenden Nebel ins Weltall versprühen: jedes einzelne ein Ereignis immanenter Beobachtung, die objektive Manifestation von Geist, der sich im Hintergrund hält, wie es seine Art ist, während er auf der Rückseite des Beobachtbaren im Schatten Pfade auslotet und die Integrale der Bewegung ergänzt. Er ist von mathematischem Verstand, so logisch zwingend und eiskalt berechnend wie die Zeit selbst. Daher unterliegt es keinem Zweifel, dass Sterne weiterleuchten würden, gäbe es nirgends Beobachter im All. Die Wellenfunktion ist als gegeben anzusehen und immerhin teils vermessen: als Erhaltungsgrößen, als Masseverteilung, deren uns zu nächsten Sterne und Nebel am Nachthimmel stehen. Es ist positivster Positivismus, aus der beobachtbaren Expansion des Universums zu folgern, dass alles soweit man blickt der Zeit und insofern dem Geist unterliegt, in dem an sich und im Einzelnen der Beobachter ist; abstrakt für sich im Begriff, im Einzelnen begreifend. Warum sollte dieselbe Physik sonst überall gelten, wer sollte sie betreiben, und wie sonst könnten wir? Es wäre weder möglich irgendwas zu unterscheiden, noch dass überhaupt etwas passierte; und dass etwas passiert ist die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt zu denken begonnen haben und nach einer ewigen Struktur im Kosmos suchen, die in allem was vielfältig ist zu vermuten ist. Der Geist ist als abstrakter Beobachter, das legt alle Beobachtung nahe, von Anbeginn in der Welt. Er hat etwas logisch Zwingendes. Es bedarf keines Menschen, damit der Kosmos so weiterläuft, wie es physikalisch folgerichtig ist. Das ist beruhigend. Aber er tut es nicht einfach so oder weil er einem tumb reduktionistischen Dogma unterliegen möchte, sondern weil er in Naturkonstanten absolut geeicht ist. Ohne absolute Eichung wäre alle Beobachtung zwecklos und nicht bloß relativ. Dieser Geist ganz im Hintergrund, viel tiefer als mein Verstand, der aus ihm lebt, ist weder solipsistisch noch vereinzelt; er ist eins mit sich und der Welt. Nicht der Beobachter enthält den Geist; umgekehrt: der Geist enthält den Beobachter, als Abstraktum und im Einzelnen, in dialektischer Auseinandersetzung mit seiner Konkretion. Als Abstraktum bezwingend. Im Einzelfall lebendig, mit Irrtümern, die erklärbar sind, wenn man auf Geist hört.

Der menschliche Körper ist, das mag man dem Reduktionismus konzedieren, eine biologische Maschine. Was treibt sie an außer Sauerstoff und Hamburgers? Stehen hinter aller Art Absicht allein die Determinanten des Überlebens – nackte Notwendigkeit, wie sie anlässlich Darwin die Evolution insgesamt vor sich her treibt? Dazu müsste aber schon, denkt man in diese Richtung weiter, eine gehörige Portion Wahnsinn kommen, die einem Überleben insgesamt abträglich ist – Raffgier, die Paranoia und Hass erzeugt, Krieg und Terrorismus, Lebensweltzusammenhänge zerstört und gegen uns aufstört. Unterliegen wir also rein biologischen Determinanten? Wollen wir die Proteine in den Körperzellen und die Gravitation für den Skandal der Unwissenheit und des falschen Denkens verantwortlich machen? Am Ende gar für solche Vernebelungsversuche, wie sie der Reduktionismus formuliert, der die Existenz von Geist kategorisch in Abrede stellt und ihm damit das Leben absprechen will – sicherlich nicht zufälligerweise zu einem Zeitpunkt, da es im Verlauf der globalisierten Misere der herrschenden Zivilisation zu erstarren droht wie ein Kaninchen unterm kalten Blick der Schlange? Der Geist allerdings bleibt schwer verdaulich. Man kann versuchen ihn totzureden oder totzuschweigen – ein Sinn lebt in uns weiter, der nicht Wahnsinn ist, aber gleichwohl aus eigenem Antrieb und nicht bloß unter reproduktivem Zwang weiterdenkt, was irgendwie so aussieht als wenn einer nach innen horchte. Ein Eigenleben von Geist, der über neuronalen Netzen, biblischen Gewässern und dem globalen Jammertal schwebt wie eine Suite von Vivaldi für Flöte und Klavier über einem dunstigen Morgen.

Wer aber ist der Pianist, mit dem in Resonanz zu treten wäre? Darauf ist keine Antwort, falls man nicht selber die Ohren aufmachen und probehalber ein paar Töne anspielen will. Mehr ist nicht zu sagen. Der Rest ist bloß das Halbe Leben, das ein Gefängnis ist.

Hardthöhe, Malteserkrankenhaus

Handchirurgie,
Verletzlichkeit –
im Kern nur Knochen, geisterhaft auf einem Röntgenbild.

Ein Rätsel, das in dir zu Hause ist, setzt sich fort in diesem Wartezimmer.

In der Cafetaria, zwischendurch, stecken zwei Schwestern gegenüber die Köpfe zusammen und turteln – schau lieber noch mal hin: die eine trägt Schnäuzer. Bruder! Alle tragen hier Weiß, denn deine Unschuld steht nicht in Frage; und deine Geschichte kennt vielleicht jeder Busch, vor dem du draußen gestanden hast, bei einer Zigarette vor der Tür von der Anhöhe herabblickend über die Stadt, im überraschenden Licht eines wärmenden Strahls vom winterlichen Himmel, der sie in kleinen Böen verrät, die dich umspielen – schon springst du nach deinem Hut, der forthüpft. Patient lebt!

Und eine alte Dame, sehr gebrechlich wirkend und sehr einsam, schon nach der Computertomographie noch vor den nummerierten Umkleidekabinen der Röntgenabteilung wartend, kämmt sehr sorgfältig ihren Pony über der hübschen Nasenwurzel, bevor ein junger Pfleger kommt und sie vorsichtig fortführt.

Zurück ins Wartezimmer – Handchirurgie.

Verletzlichkeit bleibt nicht allein.

Irrwege

Im Blick über den Bauzaun Gebäude. An einer gebrechlichen Mauer aus morschem Backstein ein Graffiti – ein paar verlorene Buchstaben in Lila, Schwarz und Silber und ohne erkennbare Intention. Davor mit lässig herabhängenden Armen eine aus Hunderten von Händen voll weißer Kerzen blühende Kastanie. Neben ihr parkt protzig ein SUV, strotzend vor Potenz. Ansonsten wieder ohne erkennbare Intention. Es gibt auch wichtigere Fragen… scheißen eigentlich die Engel Guano, so ähnlich wie die Vögel im Baum, oder müssen echte Engel gar nicht kacken. Vom Turm einer nahen Kirche schlägt gerade wieder wichtig dröhnend die Stunde… hat denn die Sünde kein Gewissen. Und bin ich etwa das sprichwörtliche Kamel oder einfach mal wieder zu breit, um durch dein Nadelöhr zu passen? Ich muss pinkeln; stell mich noch kurz an den Baum. Wenn einen dabei Polizei oder Ordnungsamt erwischte, kostet das schmerzliche 35 €. Der Himmel schaut weg; zieht gelassen, wenn nicht fast schon erheitert, obwohl mit ein paar gekrausten Wölkchen hier und da, weiter. Nicht mal die Dürre nimmt Notiz. Es hat seit Wochen nicht geregnet.

Trockener zwar als jeder Klimawandel und fast noch als mein Humor hat das Kontaktverbot uns erwischt… Alleinsein schärft den Blick für allgemein verschwiegene Gemeinsamkeiten. Unter anderen Maskierten beobachten wir uns gegenseitig verstohlen dabei zu hamstern. Hunde übrigens missachten die Abstandsregel, wofür man als einsamer alter Mann dankbar sein muss. Nur die Vöglein und die Engel halten in aller Regel auf Distanz – mit Ausnahme einzig des Todesengels, der uns auf all unseren Wegen stets in knapper Reichweite auf Zehenspitzen folgt. Ich drehe mich längst nicht mehr nach ihm um – sollte sich das Virus eines Tages doch noch für meine vom Nikotin verrußten Lungenflügel interessieren, werde ich wohl voraussichtlich den Abflug machen, ein letztes Mal mit matten Lungenflügeln flatternd… Als Raucher hat man ja mit 68 Jahren gegen Corona angeblich kaum eine Chance. Höre jetzt auch lieber auf zu denken; dreh mir stattdessen eine, während ich an einer Bahnschranke auf den Zug warte. – Der Triebwagen des ICE, der einläuft, heute unter einer extra dicken Schmutzschicht: ob denn auch die Reinigungsabteilung der Bahn nur noch per Home Office arbeitet. In Gegenrichtung scheppert im Andante noch ein Güterzug vorbei.

Dann öffnet sich die Schranke. Ich humpele, nein: schlendere weiter, Richtung Uni. Im Hofgarten findet sich endlich eine freie Bank, auf die ich mich plumpsen lasse. Das ist im Moment fast so gut wie ein offenes Restaurant, als es noch welche gab. Packe mein Mittagessen aus: ein belegtes Brötchen aus dem Supermarkt; eine Flasche Bier. Nebenan plärrt aus einer Minibox sogenannte Musik – sämtliche Instrumente, sowieso alles Schlagwerk, vollsynthetisch, programmiert; der Gesang klingt wie binär aus dem Sequencer gezogen. Got your mojo working – bit by bit?! It just won’t work on me. No byte ever bit me. Gefühlsmäßig hatte diese Art von Musik die Kontaktsperre längst vorweggenommen, bevor das Corona-Virus kam und auf transkulturellen Wellen im Kopf die Regie übernahm. Ich zücke aus der linken, von ihm an sich längst schon radikal genug zerfetzten, löchrigen Jackentasche mein Büchlein, notiere: wir sind eine Gesellschaft selbstoptimierender Knotenpunkte, selbsteingesponnen, gefangen in unserem selbstgesponnen, globalen Netz: welcher Spinne dienen wir zum Fraß? – beiße wieder ein Stück vom Brötchen ab, kaue kopfschüttelnd, gönne mir einen Schluck aus der Flasche und füge hinzu: gibt es denn keine Freiheit vom Selbst?!

Ich schreibe diese Sätze zur Rezitation in einem leeren Mietsaal – nein, ich will euch nicht zu nahe kommen. Lieber nicht. Denn immerhin aus der Ferne kann es jeder hören: in all eurer hektischen Betriebsamkeit und dem Lärm und dem Getue um Corona wächst ein Schweigen wie ein Krebstumor – die Warnzeichen blinken vergebens. Der Neon-Gott gibt keine Antwort. Man hat die Wände der U-Bahn gescheuert und die Prophezeiungen entfernt. Kommt also meinetwegen alleine zurecht – ohne Leute wie mich, die ihrer Vision immer noch dienen müssen, ob sie wollen oder nicht. Still got my mojo working – even though it might not work on you. What can I do. Weiß nicht weiter. Schließe das Buch.

Das Sonnenlicht macht aus dem transluzenten Blätterdach der Linden über mir ein impressionistisches Getüpfel aus Erleuchtetem, Konturen und Einsprengseln von Blau. Da bist du wieder – ein Glücksgefühl wie ein Schock im Bewusstsein, das sich aufbäumt gegen die Leblosigkeit; ein Katarrh in den Gedankengängen der Hilflosigkeit, der Tage gebiert wie kindliche Fieberphantasien. Die künstliche Musik ist verstummt, der Minibox-Mann weitergeradelt. In der Stille ohne Umlaut knacksen die Gänsefüßchen, als wenn einer gefragt hätte, den außer mir keiner hörte: „wie wäre das zu verstehen, wenn etwas, was wesentlich wäre, immer nur im Konjunktiv existieren würde?“ Eine Rabenkrähe ächzt nachtschwarzen Verdacht: eine andere gibt ihr recht. Ein Elsternpaar schreitet zu zweit über die Wiese zur Tat. Zwei Ringeltauben verloben sich gurrend auf einem Ast im Baum nebenan. Niemand nimmt Notiz. Am Himmel heute nicht mal die unter anderen, sogenannten normalen Umständen unvermeidlichen Kondensstreifen im Blau. Ein Mann und eine Frau werfen sich gegenseitig eine in der Rotation flirrende, grell gemusterte Frisbeescheibe zu. Zwei kleine Mädchen haben ihre Mama heute ganz für sich allein. Eine Schar Butterblumen intoniert ganz am Rande wie im Chor aus tiefster Seele die Farbe Gelb. Eine nette alte Dame schiebt hinter ihrem Rollator her vorbei und schenkt mir ein echtes Lächeln. Vor ihr auf dem Gehwägelchen liegt ihre Tasche, aus der ein frischer, leuchtender Strauß, vermutlich vom Blumenstand um die Ecke vorm Hofgarten, emporragt; die duftigen Farbtöne von Rosen klingen noch lange aus der Entfernung ans Herz, als wenn es eine Nase besäße – wenn auch nur, oder bilde ich mir auch das wieder nur ein, für etwas, was uns selbstverständlich sein müsste, weil wesentlich, also normal, wären nur die Umstände jemals normal gewesen.

Dass ich die leere Bierflasche wie achtlos neben der Bank stehen lasse, ist heutzutage normal. Es laufen unter dem Stillschweigen des Generalverdachts als System genug Obdachlose und noch weit mehr kaum weniger Arme herum, die darauf angewiesen sind, sie einzusammeln. Ich humpele weiter, über den Kaiserplatz, am Münster vorbei, dann vorm Sterntor, kurz stehenbleibend, die nostalgiegeladene Szenerie bestaunend wie einen Scherenschnitt durch die Stilgeschichte, Richtung Altstadt.

Die Geschäfte sind wieder offen; man ist unterwegs. Anschauungsmaterial genug, um der im Brutkasten der Pandemie eher noch gewachsenen Hemdsärmeligkeit im Umgang miteinander auf der Straße wieder zu begegnen. Ein eilfertiger Radfahrer mit Rucksack-Box rast annähernd schnurstracks durch dich hindurch an mir vorbei, nur nach geradeaus schauend. Ich blicke in Gesichter, die um nichts offener wirken, wenn sie unmaskiert sind. Man möchte ihnen ohnehin lieber nicht zu nahe kommen. Der harte Blick, muss man sich sagen lassen, sei nicht direkt Drohung, sondern bloß Sache einer sogenannten „Männerehre“ – war sie es nicht auch gewesen, die aus drei halbgaren Bengeln des Nachts jene Horde krawallsuchender Primaten gemacht hatte, an die man sich unscharf erinnert. Frauen wirken in diesem Bild – ob selbstbewusst oder scheu am Rande, zu zweit unter Freundinnen oder allein oder mit dem Hund, mit ein, zwei oder mehr Taschen bepackt unterwegs, wie das Tüpfelchen auf dem „i“. Langhaarige Typen wie ich werden je nach kultureller Vorprägung mit männlicher Verachtung oder mehr oder weniger Misstrauen betrachtet. Allenfalls mein schwarzer Hut gilt bei vielen als cool, ungefähr so wie der bis fast in die Kniekehlen herunterhängende Hosenboden mancher jungen Männer. „Wer bist du – Gewinner oder Verlierer?“ steht fettgedruckt auf einem unsichtbaren Transparent, das über der Straßenszene aufgespannt ist. Echte Gewinner erkennt man oft schon an der völlig neugierdefreien Blicklosigkeit echter Arroganz. Echte Verlierer betteln – entweder, in tragisches Schweigen gehüllt, still auf dem Bordstein kniend, oder indem sie ihre Formel aufsagen: hätten Sie vielleicht ein bisschen Kleingeld für mich, damit ich mir was zu essen kaufen kann – oder dich anquatschen: haben Sie mal einen Augenblick Zeit?

Der Rest von uns will eilig weiter, hat im Moment Wichtigeres zu tun, balanciert auf dem Rand oder prügelt sich um die Ränge. Die wachsende Rechtsradikalität gehört insofern zum System wie das Schmieröl zum Motor oder das Testosteron zu unserer Selbstwahrnehmung als Mann. Und Männer werden wieder zu Tausenden und Abertausenden stramm und zu Millionen zur Verfügung stehen, die Hände an der Hosennaht, im nächsten und in jedem weiteren Krieg. Nichts hat sich verändert, seit es Geschichte gibt; Macht und Ohnmacht; den Staat und ihm gegenüber wie dem Ich zum Spiegel das Selbst; Gewinner und Verlierer; Kapitalkonzentration und Testosteron. Seit es sie gibt – diese Sehnsucht nach Freiheit im eigenen Herzen, die uns, wenn auch immer wieder vergeblich, um Worte ringen lässt.

Würde mich einer fragen – er rede wieder nur im Konjunktiv – was ich von meiner Zeit halte, müsste ich zur Antwort geben: sie ist offenbar am Asperger-Syndrom erkrankt. Selbstbezug ist die einzige Form von Bezug, die unterm Strich zählt. Und dieser Selbstbezug kommt nicht etwa von innen; er hat immer den Knopf im Ohr. Die innere Stimme trat von außen an uns heran. Erst wenn einer auf sein inneres Schweigen hörte, wäre er frei. Wie gesagt – ich antwortete ja bloß im Konjunktiv und bin froh, dass mich keiner gefragt hat als ein fernes inneres Schweigen. Denn wenn man weiterdächte, wären all die Netze, die wir gesponnen haben, das Werk eines zur globalen Riesenspinne erwachsenen Überselbst, das sich selbst endlich in den Griff seines prekären Überselbstbewusstseins bekommen müsste: gleichgeschaltet in allen Köpfen in Form zahlloser vereinzelter Ichs im Netz. Abgespeist mit einem binären Surrogat von Wirklichkeit, das unser Fühlen kontaktfrei lenkte.

Und darum blinken alle Warnschilder der Prophezeiung, seit es falsche Propheten gibt, zu Recht: Vorsicht! Jedes System erstarrt. Keine Freiheit lässt sich in Netzen fangen, kontaktfrei; als bloßer Konjunktiv. Wer sich richtig im Griff hat, erstickt. Auch ohne es zu bemerken und ohne Corona in der Lunge. Der Hirntod vollzieht sich schleichend im Fortgang. Kein Beatmungsgerät, kein binärer Code auf deinem Smartphone, kann echte Freiheit ersetzen. Freiheit vom Selbst: bloß eine Vision – ein später Kindertraum; eine Idee für Halberwachsene? Aber es liegt im Wesen jeder Idee, wirklich werden zu wollen. Freiheit vom Selbst muss und kann man sich nur selbst und für sich selber verschaffen; als ein Stückchen Freiheit mehr für alle.

JENSEITS VOM FENSTER

Im metabolischen Bereich meiner Wahrnehmung bilden der strahlende Aprilnachmittag vorm Küchenfenster, das Vogelgezwitscher draußen und das vierfach über Kreuz verkreuzte schwarze Aufstellgitter auf meinem weiß emaillierten alten Gasherd zusammengenommen eine überfahrene kleine weiße Katze mit schwarzer Schwanzspitze und einem schwarzen Ohr auf einem Parkplatz in Tucson/AZ im Februar 1990, die jetzt wieder, auf meinem Unterarm liegend, leise schnurrt, während ich aus dem Fenster schaue und sie gedankenverloren mit der Rechten kraule, bevor ich wieder aufwache und mich abdrehe und das Radio einschalte und mir trotzdem erst noch mal eine drehe. ‎

Herzoperation

Ich war weiter nichts mehr gewesen als jene heimlichklamme Entzündung innerhalb der dünnen aber unüberwindlichen Wand zwischen mir und mir selbst und offenbar dazu gemacht, dem Druck erst nachzugeben, wenn das Aneurisma platzen würde.

In den unterirdischen Kanälen der Rückkehr leben ohnehin die Ratten, und die Spirale zieht dich in absteigender Folge fortschreitenden Verfalls tiefer und tiefer hinab in die bodenlose Tonne ewiger Wiederholungen, wo bloß noch die Trauer wohnt. Wenn du kannst, lass dir Flügel wachsen und flieh; oder finde Worte; Beschwörungen helfen nicht; sei Dichter: verrätsele dich – versuch immerhin uns vorzugaukeln, man könnte im Nichts aus nichts als Abwesenheiten eine Hütte zimmern zum Überwintern für den Rest der Zeit!

Auch dort wirst du nicht aufgehoben sein wie in der Endlichkeit, die voller Sehnsucht war und voll Erinnerung – als läge sie weit jenseits des grünen Horizonts rings um die geschäftige, graue Rehabilitationsklinik irgendwo in der Eifel nach der gelungenen Herzoperation. Wäre nicht wenigstens das Sterben ein Ausweg gewesen? Des Nachts begegnen uns die ständige Schlaflosigkeit mit Ängsten und Reue beladen und zwischendurch im Traum ein Delirium voller Selbsthass und Totenköpfe; und ein künstlicher Greifarm wächst mir aus der Stirn, greift über meinen Kopf hinweg und erfasst dich von hinten mit seiner Baggerklaue – nur wohin jetzt mit uns? Zu spät. Das Herz geflickt und zugenäht – die Tür ist zugeschlagen; und du wachst morgens auf, findest dich eingesperrt. Stehst auf, wenn der Zimmerservice klopft. Nimmst folgsam deine Pillen. Trottest wie jeden Morgen widerwillig zur allmorgendlichen Blutdruckkontrolle. Stehst lange Schlange am Fahrstuhl, lahmst, kommst wieder mal zu spät zu deiner Gymnastikstunde. Alles geht sonst wie im Behandlungsplan vorgesehen seinen ärztlich verordneten Gang. Das ist das Glück. Die Klappe ist vom Schwein gestohlen und fest genug eingenäht; das Herz hängt an seinem patentierten Plastikschlauch wie in der letzten Schlinge. So fühlt sich Schicksal an: neuerdings spüre ich es sogar wieder richtig schlagen; statt jenes in lang andauernden, zögerlichen Wellen wie regellos anbrandenden Schwellens im Aneurisma.

Marmagen liegt in der Nähe von Nirgendwo auf einem flachen Talrand – die serielle Betonschachtel wie von der Krankenkasse geprüft; und ganz tief in einem tief im nüchternheitstrunkenen Bierernst der Siebziger versunkenen tiefen Grauton, der von der Regelmäßigkeit länglicher Fensterscharten im Geiste noch vertieft wird. – Meine Erinnerung an die Siebziger sind allerdings nicht allesamt so rechtwinklig und geradlinig, sondern ziemlich zwiespältig. Da! Eine transsexuelle katholische Nonne pisst in einer irgendwo zwischen den allzu schnurgeraden Zeilen der von der Denkweise des Betons befallenen Bauweise kauernden Sprechweise gleich nebenan an eine Scheune mit lila Pappdach. Kaum abseitiger als jeder Gedanke an das eigene, einstweilen abseits liegengebliebene Leben. Jetzt, Ende März, findet sich auf der Dachterrasse zwar abgesehen von dem ständigen kalten Wind auch schon ab und zu wieder wenn auch in niedriger Dosierung Sonne. Man liest Krimis, Frauenromane, quasselt und ist immer wieder per Du oder spielt auf vierundsechzig angemalten Betonsteinplatten Bodenschach; und manche von uns rauchen trotzdem weiter; den ferneren Aussichten zum Trotz.

Der Blick in die fernere Weite ist durch die einigermaßen enge Tallage der Klinik begrenzt. Am Hügel rechts gegenüber auf langmähniger Weide zwei aufmunternde Pferde – als wenn doch irgendwo Freiheit läge?! Aber längs aller Ausfallstraßen in Richtung Welt wartet in den einfallslosen Vorgärten seelenloser moderner Einfamilienhäuser schon wieder der Palliativrhododendron rings um den nirgendwo angeleinten bissigen Innenhund eingezäunter Ansprüche. Dort wird wieder Alltag sein.

Wir werden weiterleben. Zwischendurch bringt man mich mit dem großen roten Krankenwagen ins Kreiskrankenhaus nach Mechernich, wo mir eine sanfte brünette Ärztin, während ich überlege, ob ich ihr nicht mindestens fast eine Liebeserklärung schulde, und nichts tun darf als stillhalten, mit zärtlicher Nadel von hinten durch den Rücken knapp über der Leber über zwei Liter Wasser aus der Lunge holt. Das erspart mir bis auf Weiteres immerhin die Sauerstoffmaske zum Atmen und ihr weitere auch literarisch vermutlich zweitklassige Geschichten. Wir werden also weiterleben und sind nicht ganz allein dabei. Mein Schachpartner, ein Ingenieur namens Dieter aus Köln, und ich trinken neuerdings abends in der Eifelstube im Erdgeschoss schon wieder ein Bier miteinander und spielen auf dem Schachbrett des Etablissements weiter oder glotzen TV. Er hat eine scheußliche Arterienoperation am Arm hinter sich und zeigt mir die roh vernarbenden Nähte. Mein Reißverschluss ist noch so ein martialischer Anblick; immer noch die Metallklammern.

Wir sollen also weiterleben, du der mir jetzt noch fremder ist denn je, und ich, der dich jetzt wieder sieht – im Traum. Der Termin zur Rückfahrt rückt näher. Wer wirst du geworden sein?! Der Bus, der mich zurückbringt, leert sich schnell, als wir Bonn erreichen. Die letzten Freunde steigen aus. Vorm Rheinischen Landesmuseum tollt mitten in einem ausgelassenen Fest auf der Straße ein knusprig gegrilltes, rosa lasiertes Ferkel ohne Kopf und Herz mit der Menge herum und um; und dann gibt der Busfahrer plötzlich Gas – was ist passiert – wo sind wir angelangt: jetzt ist auf einmal niemand mehr auf der Straße; du kennst nicht mal die Gegend mehr. Hier war man noch nie vorher gewesen. Der Bus holpert plötzlich, ohne erst zu verlangsamen, auf den Bordstein, rumpelt über Kopfsteinpflaster; bremst erst jetzt; biegt schräg ab durch die lange Zufahrt in einen stillen Hof; kommt zum Stehen. Der Fahrer öffnet die Türen; schaltet den Motor ab. Die Reise ist zu Ende. Ich gehe nach vorn, um zu fragen, wo man sei, stelle dabei fest, dass der Fahrersitz leer ist; finde mich allein und steige aus – schaue mich um…

Aus dem Haus tritt niemand. Du erkennst ihn sofort.

STOP

blüht morgen
STOP
vollsynthetischer holunder in paranoiden tunnelsystemen
STOP
morgen wird keiner mehr
STOP
ach lass doch
STOP
lass katzen kotzen müssen
STOP
aus tiefer dackel traurigkeit zu wissen
STOP
wo waren bienen schlafen drachen
STOP
morgen wird
STOP
dann wieder die gebückten nacken
STOP
plötzlich
STOP

WIR SIND NICHTS

als ein Geschwätz im Kopf, das vielsprachig widerhallt in den Straßen und nichts weiß, was je von Belang gewesen wäre, am wenigsten von sich selbst, und wieder nichts gehört haben wird als das jeweils jüngste Gerücht von der Welt, das in den Straßen widerhallt – eine geistige Leere im Prozess der virtuellen Selbstfindung, Sprachlosigkeit mit redseligen Smartphones; Taubheit mit dem Knopf im Ohr, damit man wenigstens so echt wirkt, wie die Werbung für echte Markenstofftiere verspricht. Geistige Flachweltbewohner allesamt, den Kopf voller Schubladen und ohne Bewusstsein der Enge des eigenen Horizonts. Da ist nur eine Welt; aber wir leben jeder für sich in unserer eigenen, von der wir uns nur ungern eingestehen, wie fremdbestimmt, wenn nicht -gesteuert sie ist, und wie illusionär und defizitär unsere Sinnkonstruktion, die unsere Ausrede ist vor Gott, wenn wir allein sind mit uns bei Nacht. Dann helfen nur noch die handelsüblichen Psychopharmaka und Drogen wie Alkohol. Gute Nacht!

FRÜHLINGSGEFÜHL

Eine neue Zärtlichkeit
zartbitter
für diesen nasskalten todernsten April voller
Gravitationswellen und Kriegsflüchtlinge
unter einem Himmel voll Drohungen und Drohnen
draußen beim Rauchen vorm Spanier
zwischen Pfützen und den Überresten der Kirschblüte
an einer Straßenecke der Bonner Altstadt

ganz ohne Grund so wie ein plöizliches Glücksgefühl
das Teil sein mag einer Anwandlung von Schwindel
der Atemlosigkeit wäre
Rausch
ein Lachen das nichts von sich weiß
in den äußeren Spiralarmen der Galaxie
die Kettenkarussel fährt mit uns