ASCHELIED

wer ließ sich nicht entwegen
in dieser ausweglosen Zeit
der Verkehr kommt sich verkehrtherum entgegen
und überall geht Niemand auf den Straßen
unentwegt

Ihren Existenzberechtigungsnachweis bitte
mit Fingerabdruck
Überleben ist Privileg
und die sich nicht freikaufen konnten sangen im Feuerchor
sangen das Hohe
Dein zornigstes
sangen das Aschelied

den Tod umsonst und ein Wort entgegen
das den Vogel wieder auf die Hand nimmt

FRÜHLINGSGEDICHT

Man soll wieder anfangen zu trainieren – das Flügelschlagen, Jubilieren – und fliehen, wenn es wieder Frühling wird; und ziehen mit dem Spiel…

und wohin zieht es dich? Zieh doch mit mir!

Ich spiel dir ein Lied vom Tod. Unter dir die leeren, weiten Ebenen der Trostlosigkeit meiner narzistischen Entzündung. Vertrocknete Zeit in den Tälern längst ausgestorbener Flüsse, die Lebensadern waren.

Über dir mein frohes Trillern:
blutleer.

TRÖSTUNG

viel später wissen wir
dass es immer im Bild gestanden hatte
aber dann kriegen wir es nicht mehr zu fassen

manchmal wenn es ganz still ist
blitzen zwei Augen auf
aus einem verlöschenden Blick
dann kehren die Geräusche zurück

aus dem Alleinsee steigt in kleinen Pausen
bläschenweise
Trost

Leere Hände

Er nahm das Wort und brach es
Da schlüpfte eine Stille aus und machte die Runde
Sie kam zu dir und auch zu mir und ließ sich nieder
Und ich hörte sie sagen

Was du liebtest
Mensch
zerfiel zu Staub
Doch einzig die Liebe ist über Kritik erhaben

Wie der Engel des Todes eilen wir uns selbst aus der Zukunft entgegen
leere Hände reckend

GNADENGESUCH

Wenn der Dichter die Worte zur Nachtseite hin kehrt –
hellhörig ist er vom Schweigen der Keller,
und nicht, wie die Leute sagen,
reich an innerem Leben.

Den goldenen Stift hält die stets bleichere Klaue.
Nimmermehrdorn pocht in der Schläfe.
Traumhort, im kalten Schleim verdorrt –
fort; immerfort:

Ach lass mich doch,
bevor ich mit den Treibern ziehe,
dem schwarzen Fisch ein Wort entwinden,
im Feuerstaub zu Boden sinken.

TOTSAGUNG

Von sich aus ist die Leere bewusstlos;
und unterm Himbeereis abseits der öde kalte Mond
die tote Zeit –
so jäh wie Ewigkeiten waren,
für immer schon vergangen.

Dem König neigt sich Brechreiz;
zu toten Hosen aufgestapelt Hohn.
Er spürt Verlangen, eilt auf den Balkon und schaut ihr nach:
das Leben ist vorbeigegangen!
Aus allen Fenstern hängt der tote Sohn.

REGENLAND

Am Himmel ein Engel von unklarer Aussage –
Wolkenformationen wie die Reste eines Kontinents
über der Wasserlinie eines Ozeans von verträumtem Blau, der alles verschlingen und vergessen wird, was war, bevor du an einem letzten Ufer ankämest.

Ein frierender Engel unter vielen, die den Heimweg
nicht mehr finden. Das Wasser steigt und mit dem Regen kommt die Kälte, und mit der Kälte kommst du und klingelst an meiner Tür, durchnässt, frierend. Und jetzt noch einmal, verzweifelter. Vergeblich!

Niemand öffnet, denn ich wohne gar nicht mehr hier.
Bin längst ausgezogen, wenn nicht verstorben und
existiere nur noch auf dem Papier – damit alle wissen:
Niemand wird da sein und die Tür öffnen, dereinst,
wenn der Engel klingelt.

RÜCKKEHR DER SCHLANGE

Sarkophagen nagen am morschen Holz seit Tagen
und bleiben hart wie Stein und Kant.

Der Kesselstein im Herzen schwitzt ein Grauen aus das älter ist als du.
Die Nachtbaumnatter frisst die Amseln und klettert auf die Masten.

Es kommt näher.

Beiläufig gesagt – unter uns:
Das bist du!

STOP

blüht morgen
STOP
vollsynthetischer holunder in paranoiden tunnelsystemen
STOP
morgen wird keiner mehr
STOP
ach lass doch
STOP
lass katzen kotzen müssen
STOP
aus tiefer dackel traurigkeit zu wissen
STOP
wo waren bienen schlafen drachen
STOP
morgen wird
STOP
dann wieder die gebückten nacken
STOP
plötzlich
STOP

TROTZDEM

Klopft ein Schweigen ans Fenster
Vergeht der Nebel vor Ungeduld
Lauscht die Wand dem Ticken der Uhr

Tickt die Uhr
Tickt die Uhr

Kam der Regen wieder allein