EINSICHT

Erst als er sich eines Morgens dabei ertappte, wie er versuchte, sich eine Tasse Kaffee anzuzünden, ging ihm ein Licht auf über sich.

Aber auch das war überflüssig. Draußen schien vorübergehend die Sonne; sonst bewegte sich nichts.

Und dass Irgendwo nirgends liegt, sieht schließlich jeder ein, der selber mal da war.

ÜBER NIEMAND

Mein Verhältnis zu Niemand kann heute als geklärt gelten.
Und auch hier würde Niemand zustimmen,
nachdem Niemand schon von sich aus danach gefragt hätte;
aber Niemand hört mir zu und zeigt mir stattdessen einen Vogel.

Dann tanzt wieder Niemand mit mir.
Was sind wir alt geworden, sagt leise Niemand
und verbirgt ihr Gesicht in mir.
Wie von nirgendwoher Musik.
Niemand ist hier.

BESUCH

Wo ich nie hinschaute – in einer staubigen Ecke zwischen Tür und Wand – wartet er schon: der Ritter vom Mars, in seiner Kapsel aus Kartonabfall und Altpapier, zwischen achtlos fortgeworfenen Versuchen von mir, auf mein Willkommen.

Er wird umsichtig den Deckel heben, umständlich aus der Luke klettern, sich recken und strecken, sich sodann verneigen und sich vorstellen: ÜLPS – das bin ich. Sich erstmal ein Pfeifchen anstecken und endlich loslegen und nicht aufhören, bis alles erzählt ist.

Das wird ein Trost sein – während im Leeren roter Sternstaub langsam rotiert und fünf grüne Gasplaneten vorübereiern und dreiunddreißig blaue Monde, löchrig zerschrammt und splittrig vereist, einer wie der andere.

Endlich wird er schweigen. Doch wir sitzen noch lange zusammen und schauen dem Rauch nach.

Aus der Nacht schwingt das Lachen der Monroe herein, federleicht wie das Gurren des Schlafbaums…

Wir sind ans Finden verloren. Einer wie der Andere.

Verdacht

Am Dachfirst wird heute der Kugelfisch aufgeblasen,
und ein Siebenbürger Bauer klettert an einer langen Leiter
zu seinem Obstgarten
in die nächste Wolke.

Der Marokkaner bringt den Capuccino heraus.

Von nebenan schmeißt sich die Rose näher ran,
und riesige bunte Falter taumeln
durch unbekannte Zusammenhänge…
Sind denn den Pfauen endlich die Augen aufgegangen?
Die Tauben gehen vorm Kellerloch auf die Klappe,
nachmittags gegen Vier.

Und Abends spielt die Nacht Klavier,
ziemlich melancholisch.
Alkohol ist im Spiel.
Der Stier hütet die Tassen und
verbirgt den Morgen im Schrank,
während der Mond sich mit schon erhobener Sichel
zur Jungfrau wendet.

Aus der Tür zum Gelobten Land an der Ecke gegenüber,
gleich unter der Neonreklame,
wird der Nachtfluss getragen,
auf einer Bahre von Eis,
und die schwarzen Kapellmeister verneigen sich feierlich.

Der König schweigt und tötet.

Verkehrte Nacht, der Tag ist aufgewacht.
Unter der kahlen Kappe des Mondes kreist der Verdacht.
Ist denn die Nacht im Tag verstorben?
Sie sitzt allein vor ihrer Tür,
und keiner, der sie einst umworben,
vermählt sich noch mit ihr.

Die Siebenharfe schlummert übermattet immer fort.
Der Efeugott pflanzt sich an nackten Mauern Wort.

ZIELLOS

das Gedicht tritt ein
ungebeten

mit dem Fuß in der Angel
fischt es den Moment aus dem Trüben
und stellt sich unter falschen Namen vor

es ist wie der stille Mond verdächtig
und trügerisch wie sein kalter Schein
der auf die Erde herabkommt
um Euch aus Euren Häusern zu vertreiben
damit Ihr ziellos werdet

ziellos wie der kalte Fisch in der eisigen Irre Eurer Herzen
leuchtet es voraus
damit Ihr ziellos weiterirrt und weiterirrt
ohne Erinnerung der Ankünfte noch der Abschiede
doch im Besitz aller Tode
und ausgeliefert
fortan
dem Gedicht

schwer wiegt seither der Verdacht auf seiner Schale
die sich zu dir neigt

ZEITSCHLEIFE MIT KRANZ

Was ist die Zeit?!
Die Zeit rinnt in jeden Gully!
Ein Stück Oberfläche,
mit der Haifischfinne aus dem Meer gesägt,
ist der Moment.

Seit wann hatten wir Vergangenheit gehabt?
Wir waren zurückgekehrt, erinnerst du dich?

Der Weg zur Hölle soll mit verlorenen Momenten gepflastert sein.

Später sagten sie von ihm, er hätte fast Zukunft werden können,
doch habe es ihm zeitlebens an Gegenwart gefehlt.

Er dagegen beharrte darauf, dass die Anwesenheit
des Geistes auf seiner Abwesenheit beruhe,
bis er fortging.

DAS GEHEIMNIS

Wenn alle Stricke reißen
binde ich dich an mich
Doppelkopf meiner deiner
Du Ich

Heute Nachmittag auf der Brücke hast du es mir anvertraut

Ich auch habe ich geantwortet
an einer Ampel wartend
auf dich

auf meinen Moment

entgegenkommend aus dem Trugbild der Stadt
wie ein Gesicht
das mich sucht

Die Welt ist

1 Erinnerung, solange es sie gibt, aber ich mache aus meiner Hintergrundstrahlung keine Religion.

Ich weiß, Du bist das Licht, weil es so leicht ist
und so vergänglich wie der Augenblick.
Gott sei ohne Ruhemasse, sagt man.

Heute würden alle gern mit Lichtgeschwindigkeit ihr Ziel erreichen, aber

WER IST WIE GOTT

heißt es am Eingang zum Stadion.
Ich bin Unmittelbarkeit, spricht Es aus dem Lautsprecher, aber keiner hört zu; jeder ist mit sich selbst beschäftigt;

und der Rost in den Angeln krächzt jedesmal

wenn die Tür zuschlägt.

GRÜNE NARRATIVE

wie der Holunder –
voller Liebesangebote,
von denen die meisten vergeblich sein werden;
wie üblich;

oder die Birke nebenan –
voll Birke und Betörung,
und so betörend, wie nur Birken sind;
mit grünblond schillerndem Frauenhaar,
das in der Sonne funkelt;

oder der riesige Ahorn im Hintergrund,
dessen Stamm bis zur Krone überwuchert ist,
umhüllt und eingehüllt von Efeu:
voller Tiefe, die auf ein Zentrum verweist,
in dem wir alle wurzeln.

TRAUMVATER

in der seidenen Muschel des Schlafs
am dünnen Faden des Traums mit dem Kopf nach unten hängend
wie an der Nabelschnur
wird mein Herz wieder ruhen
in Dir

auch das Licht hat hier hereingeschaut und nichts gesehen
aber das Dunkel hat mich mit geschlossenen Augen erkannt

Traumvater
ich bin gezweit seit Urzeiten in Dir
wie das Ypsilon in meinen Genen
bin ich dein