Zur Weihnachtszeit zur dunklen Stunde

hat Dich mein schwarzes Blut erkannt.
Auf der Kreuzung des Wegs mit der Straße vorm Haus
liefst Du durchs Bild. Die Sirenen sangen;
doch ich senkte den Blick, bedenkend,

dass auch die Flamme der Kerze noch einmal heller aufflackert, verlangender, kurz bevor sie verlischt…

und frieren denn nicht die Sterne am Weihnachtshimmel?!

Mein schwarzes Blut allein kennt Deinen Namen.
Wer kennt den längsten Augenblick?
Wer küsste die Spur im Sand,
war die Rose im Meer und
der Stein auf dem Grund?

Wie jedes Glück an einem Unheil hing seither,
am langen schwarzen Faden, solang,
bis es in einem späten Abendlicht
verging.

Ich hab das Kind gesehen
und zwischen uns den schwarzen Kelch.
Die Inschrift, goldnes Schilf auf rotem Spiegel,
blieb ungelesen.

und Du bist in mir die tote Zeit.
Das Verlies im Beton der Erinnerung war für Dich bestimmt.
Dass Du entkamst, war Geschick.
Es gibt kein Zurück, denn ich sehe Dich:

jetzt trinkst Du mein schwarzes Blut.

Ins Gesicht

in absteigender Spirale
in der Folge des Seins
vom Dasein zum Abholtermin
verfaulend in der Tonne
deines Abfalls vom Wort
bist du nicht aufgehoben

der Sinn bleibt verschlossen
und nichts öffnet den Deckel
hebt dich zu sich empor
und hebt dich auf
als das Wort

wer hat nicht diese Augen schon tausendmal im Schlaf geküsst die in der Leere sehen

Warum ich an das Wort glaube

Wer an das Wort glaubt wird nicht ausgeraubt
Es hat sich selbst ins Ungemach geschraubt
Es hat den Regenwald entlaubt und sich am Großhirn festgesaugt
Es hat den Boden ausgelaugt und Grund auf Wüstensand gebaut
Es hat ins Neue Land geschaut und sich den Weg dorthin verbaut
Es liegt im Jenseits angestaut
Wer an das Wort glaubt wird nicht ausgeraubt

MONDSCHEINRHAPSODIE

das Opium der Vollmondnacht liegt schwer auf meinen Sinnen
doch bin ich abgeschlafft und werde keinen Reim darauf vollbringen
außer meinem Hohn

mein schwarzes Blut den Nachtigallen
die nicht für mich mehr singen wollen
in meinem Garten blüht der Mohn

in einem alten Garten blühten Rosen
der Gärtner hatte weißes Haar
doch hat er mich auf Ewigkeit verstoßen
bevor der Mond vollendet war

Kinderspiel

Foto: Angela Engert

Die Totenglocke schlägt gewichtig vom Turm der Marienkirche und verkündet das eherne Gesetz der Zeit: auf ewig immer zu Ende zu sein. Ich hebe ab und bin wieder verbunden mit Jutta – es schweigt am anderen Ende der Leitung. Eine zärtliche Stille hüllt mich ein, legt wieder auf. Ich komme zu mir.

Die Glocke ist verstummt; doch auch der Lärm der Lebenden ist abgeebbt. Im Moment nicht mal Hundegekläff; selbst das Selbstgespräch der Irrsinnigen pausiert. Oktober – mir ist auf der Sonnenseite heiß und gleichzeitig auf der Schattenseite kalt, wie ich da so sitze – mit meiner Zigarette, bei den anderen Alten, auf der Bank.

Ein kleiner Junge treibt den Ball über den Platz; ein großer schleppt Bier für alle an – die Kindheit kehrt nicht zurück; auch nach dem zwölften Schoppen. Jetzt aber Claudia, die Zwergfrau, mit ihrem Kinderwagen voll Puppen und eingesammelter leerer Flaschen!?

Um einen sienaroten Gummiball dreht sich die Welt – erst tollen die Kinder um ihn herum; dann hängt er unerreichbar gegen Abend am Himmel und glüht orange vor Sehnsucht nach dem ausgelassenen Glück der Kindheit!

Ein Kinderspiel die Welt … der Tod, der alte Kinderschreck, kehrt die Reste zusammen, wenn es vorbei ist. Im Jenseits, glaube ich, halten sich die Erwachsenen die Bäuche über uns und probieren das Nachlaufen.

SONNENUNTERGANG

Am Abendhimmel zartrosa Wolkenzeilen wie Verse eines Gedichts mit silbrig hellen Akzenten aus der Müllverbrennungsanlage –

du stellst dich selber vor, mein Licht: als Autor, der wieder einen Tag erzählt hat und insgeheim, wenn auch für jeden ersichtlich, hinter allen Geschichten stand, an denen man teilnahm, nicht nur als Zuschauer;

jetzt spontan improvisierend wie in einer himmlischen Poetry Slam …
Und dass der rote Fleck im Westen von innen glüht wie vor Verlangen, macht dich aus; und dass meine Zigarette glimmt wie eine Erinnerung an die Sehnsucht, die einst in uns war –

du mischst dich ein in meine Gedanken; so wie der Mond noch in die finsterste Nacht!

SELBSTGESPRÄCH MIT DIR BEIM BIER

Ich bin zutiefst im Dänemark ein Wikinger
Und bis ins Rückenmark verrückt nach Dir
Ich trommele den Gänsemarsch mit fünf nervösen Fingern
Und mit der andern Hand bestell ich noch ein Bier
Ich träume ständig ganz entrückt von Deinen Dingern
Und wünsch mir sehnlichst Du wärst hier
Doch muss ich erstens meinen Bierkonsum verringern
Und zweitens existierst Du nur auf dem Papier

ELI

Stoß die Tür auf!
So wie heute abend hier an der Theke hast du mich so oft warten lassen.

Hinter mir, im Schankraum versammelt, sitzt er wieder –
über Schaumkronen waberndes Hochtrabendes labernd.
Meist schimpft er, weiß alles besser; und manchmal lacht er,
als hätte er sich selbst dabei beobachtet:

Der Gnom im Herzen des Genoms, der Mensch, beim Bier.

Um dem an sich Abwesenden zu begegnen, bleibt man besser allein. Du würdest die Türe aufstoßen, und wir säßen zusammen am Tresen und stießen an, während die Zeit auf Zehenspitzen hinter uns vorüberginge, und wären ein einziges Lachen,
bis der Atem ausgeht,

Amen.