Zwei Särge sind zusammengestoßen auf dem Weg zum Himmel, weil einer die Vorfahrt für Rechtgläubige missachtet hatte. Die Engelchen zählen die Knochen. Die anderen Toten hupen; sie haben es eilig, weil keiner zu spät ankommen will zum Gerichtstermin.
Die Mauer ums Paradies ist gesichert durch meterhohen Stacheldraht; zwei Engel vom Objektschutz fummeln neben der Einfahrt nervös an ihren Maschinenpistolen.
Wir fahren dann durchs Tor und hören endlich auf zu sein; glaubt man der Wissenschaft. Anderslautenden Berichten zufolge verarbeitet eine Mafia aus Engeln unsere Seelen zu Sushis und verkauft sie heimlich an den Vatikan.
Dort tafelt der Papst mit dem Teufel, und die Engel schweben zu ihren Häupten im Freskostil. Zwar treibt der Meerrettich meiner poetischen Scharfzüngigkeit dem Teufel bald die Tränen in die Augen – er bleibt cool und findet, dass ich eine gute Seele war, kulinarisch gesehen, und scheinbar richtig scharf auf ihn und echt Sushi irgendwie.
Mich hat ja keiner gefragt.
Aber der Papst sammelt Spenden für meine arme Seele, weil er findet, dass Sushis wie ich viel zu teuer seien für arme Leute wie den Vatikan. Doch dann muss er plötzlich kotzen, weil meine Seele, ehrlich gesagt, ja auch nicht mehr ganz frisch ist.
Am Ende gewinnt sowieso immer die Mafia; und die Engel hören nie auf sich totzulachen – schon weil sie unsterblich sind.
Das siedende Fett sprudelt und trommelt prasselnde Wirbel gegen die Metallpfanne des Kochs im Viet-Thai Kiosk an der Ecke vor der Viktoriabrücke. Ich bin allein mit einem lustigen Buddha, während es nebenan in der Küche brutzelt – die kleine Figur auf güldenem Thron am Boden vor der Theke wirft die Arme und lacht, wie um mich an das Eine zu erinnern, was man als echter Buddhist weiß: dass weder Geist noch Materie jedes für sich allein und auch beide gemeinsam nicht ausreichen, das Geheimnis eines Moments zu erfassen, sondern ein Drittes hinzukommen muss, damit aus zwei Gegensätzen eine Wirklichkeit wird; und das ist allerdings nichts weiter und nichts Gewichtigeres als das Nichts; also meinetwegen Gott, über den ich auch nichts weiß; außer dass es mich glücklich machen würde, wenn ich wüsste, dass sie jetzt lachen muss.
Was mich dann aber, wenig später, einen Moment lang wirklich glücklich macht, ist wie die Vögel singen – im Park um die Ecke, wo ich auf meiner Bank sitze und zuschaue, wie Hunde spielen und wie Herrchen den Affen machen, damit ihr Hundchen lernt, sich dementsprechend zu benehmen. Bring das Stöckchen! Der Mensch denkt, der Hund lenkt gekonnt die Aufmerksamkeit auf sich und schnuppert. Er weiß genau, in welcher Tasche seine Leckerli sind. Dann fällt mir plötzlich auf, dass mein Knie beim Gehen vorhin gar nicht geschmerzt hatte; und ich stehe auf, gehe versuchsweise auf und ab und probiere eine Weile lang, ob es eine Art zu gehen gäbe, die nicht schmerzt und die man nur fände, wenn man dabei nicht daran denken würde, dass es überhaupt schmerzen könnte. Doch wie sehr ich mich auch darauf konzentriere, an nichts zu denken, kommen die Schmerzen jetzt zurück. Setze mich wieder hin.
Der Herbst ist voll vielversprechender Ansätze – so wie die leere Bank gegenüber, auf der Niemand sitzt, und voller Kastanien und Lebkuchenherzen – und hütet ihr Geheimnis; und dann wieder ein Lachen im Gemisch des Spätnachmittags im Park um die Ecke.
Im Eingangsbereich des neuen Einkaufsparadieses, von der Straße, die ich Endenicher Verzweiflung nenne, in Richtung Endenich gesehen, rechts um die Ecke mit der Tankstelle vorm alten Bunker gelegen – hinter dir, jenseits der vierspurigen Fahrbahn, die Porzellanklinik in rotem Klinker mit Zierrat der Gründerzeit und dem alten Magnolienbaum, der, jetzt harsch verschneit und nackt, furchtlos und gelassen auf den launigen April wartet – herrscht plötzlich Gedränge. Ohne Eile inmitten der Hast kommt mir ein Paar alter Leutchen entgegen und trennt sich genau vor meinen Füßen.
Ich wünsche ewiges Leben, sagt er zum Abschied. Aber hoffentlich nicht so bald, entgegnet sie.
Ich lade mich auf mit gewichtigen Taschen voller Lebensmittel und einer Flasche teurem Wein, kaufe mir Tabak, strebe dem Ausgang zu.
Rechts an der Wand in der Eingangshalle, scheinbar auf jemanden wartend, steht ein junges Mädchen mit furchtsamen braunen Kaninchenaugen und hält auf beiden Armen einen Kleintierkäfig vor der Brust fest. Scheu schaut sie durchs Gitter. Ob sie mich gesehen hat?
Ein Narr ist jemand, der zu kleine Schuhe anzieht und findet, dass sie zu groß sind für einen kleinen Narren wie ihn.
Ich sah den alten Bunker grinsen.
Da passen Sie doch gar nicht rein, sprach der Narr mit ernster Miene und deutete auf den Käfig. – Ich hörte weg und ging nach Hause. Was gehen mich die Narren an mit ihren kleinen Schuhen, die eine Nummer zu groß sind für mich.
Handchirurgie, Verletzlichkeit – im Kern nur Knochen, geisterhaft auf einem Röntgenbild.
Ein Rätsel, das in dir zu Hause ist, setzt sich fort in diesem Wartezimmer.
In der Cafetaria, zwischendurch, stecken zwei Schwestern gegenüber die Köpfe zusammen und turteln – schau lieber noch mal hin: die eine trägt Schnäuzer. Bruder! Alle tragen hier Weiß, denn deine Unschuld steht nicht in Frage; und deine Geschichte kennt vielleicht jeder Busch, vor dem du draußen gestanden hast, bei einer Zigarette vor der Tür von der Anhöhe herabblickend über die Stadt, im überraschenden Licht eines wärmenden Strahls vom winterlichen Himmel, der sie in kleinen Böen verrät, die dich umspielen – schon springst du nach deinem Hut, der forthüpft. Patient lebt!
Und eine alte Dame, sehr gebrechlich wirkend und sehr einsam, schon nach der Computertomographie noch vor den nummerierten Umkleidekabinen der Röntgenabteilung wartend, kämmt sehr sorgfältig ihren Pony über der hübschen Nasenwurzel, bevor ein junger Pfleger kommt und sie vorsichtig fortführt.
Wohin aber zieht es die Sterne am Himmel als immer tiefer und tiefer hinab in eine seit Anbeginn stets wachsende Leere, die ein Nirgendwo ist, das überall zu Hause ist im All, und die ich in mir selber manchmal spüren kann, wenn ich allein genug bin dafür; und warum aber sieht man sie stürzen in jene zunehmend ferneren Fernen eigentlich nur, solange es dunkel ist – waren sie denn schwer genug allein nur des Nachts, oder werden sie vom Tag aufgehoben? Der strahlende Auftritt einer siegreichen Sonne in ihrem Wonnemonat Mai wird gefeiert mit Abermillionen von Blüten, in denen ihr das Schweigen der Erde aus der Tiefe entgegensteigt und sich öffnet zum Licht; und jenseits des Horizonts warten Millionen anderer Sonnen auf ihren Augenblick – hier ist er angekommen; und das Blattwerk des Ahorns gegenüber der Bank, wo ich gerade sitze, hält den Moment fest und leuchtet wie von innen vor dem schattigen Hintergrund des betulich nostalgischen Straßenbilds an einer Ecke der Bonner Altstadt – wie ein Kristall aus grünem Licht, der, wenn wieder die Brise weht, leise bebt und lebt.
Pfingstsonntag – über den kleinen Platz vor dem stillen Frankenbad tollen Kinder; ein paar von den Größeren versuchen sich mit mehr oder weniger Erfolg am Basket. Am Kaffeeroller von Frau Holle brummt das Geschäft; ebenso wie an den drei Kiosken, die sich nebst einem der in der Altstadt ubiquitären türkischen Friseure, der urbonnerischen Kneipe Nyx und einer winzigen Sushi Bar um die Platzecke gruppieren, wo sich der Autoverkehr Richtung Innenstadt und Rhein kreuzt. Hier kann man unter anderem Bier kaufen und Tabak. Auf Bänken und verschiedenen Steinquadern oder auch auf dem Boden oder auf dem Randstein zum umgebenden Grün sitzen wir: Randfiguren unserer eigenen Geschichten, die wir nicht verstehen – vom Leben Beschädigte und zu Pfingsten Erleuchtete, die Nachbarin mit dem Hündchen, Dirk, der ab und zu die silberne Querflöte spielt, ein Vater, der nebenher auf sein spielendes Söhnchen aufpassen muss, eine Großfamilie und allerhand Freundescliquen oder Einzelgänger mit verschiedenartigen Migrationshintergründen, darunter ein wehrhafter junger Mann, der einem vermutlich auch was verkaufen könnte, gläubige Veganer, ein überzeugter Falun Gong Buddhist, eine Christin, die weiter vergeblich nach Gott sucht, den sie jetzt gerade jeweils mal wieder gefunden hat, sowie ein kurdischer Sonnenanbeter mit Messerstichnarben und ein stur rechtgläubiger marokkanischer Moslem und Kalifatsanhänger, die trotzdem irgendwie miteinander auskommen, statt sich nach viele Jahrhunderte alter Tradition in Mohammeds Namen gegenseitig umzubringen, allerlei Säufer, Vorbestrafte, Traumatisierte, der Typ mit meinem Notizbuch, den sie hier Professor nennen und der das hier jetzt gerade aufschreibt, und andere Spinner, die auch alles besser wissen, dazwischen der ehemalige iranische Kindersoldat mit dem riesigen Kruzifix – philosophieren ohne hinreichenden Verstand, verbreiten letzte Gerüchte, tauschen lächerliche Beleidigungen aus oder erzählen Witze, die jeder kennt, lachen trotzdem noch einmal, prosten einander zu; dann hier und da wieder einer, der ähnlich wie ich für sich bleibt, schweigt und sich treiben lässt, beglückt vom ersten Sonnenschein nach dem monatelangen Regenwetter; und irgendwo kreist ein Joint.
„Himmelsleiter!?“ liest jetzt Angela laut vor, die vorbeikommt und mir über die Schulter schaut. „Wird das ein neues Gedicht, oder willst du dich endgültig davonmachen?“ Sie trägt einen hinreißenden Hosenanzug im Stil der Siebziger mit Schlag, ganz in Schwarz. „Ich bin doch sowieso und immer schon ganz weg von dir; und die Himmelsleiter ist bloß eine kleine blaue Blume“, gebe ich zurück, weil mir im Moment nichts Besseres einfällt, und klappe das Buch zu. Das Gedicht wäre die Leiter, auf der ein Gedanke vom Himmel steigen würde, ohne anzukommen … hier unten, am Boden der Tatsachen, sitzen wir und schwatzen und warten vergeblich auf irgendwelche Art von Erleuchtung. Gegenüber bebt wieder leise in der Brise die wie von innen leuchtende Krone des Ahornbaums – kann das denn sein, frage ich mich plötzlich, dass sich selbst das Licht vor Lachen über uns schüttelt?
Die Totenglocke schlägt gewichtig vom Turm der Marienkirche und verkündet das eherne Gesetz der Zeit: auf ewig immer zu Ende zu sein. Ich hebe ab und bin wieder verbunden mit Jutta – es schweigt am anderen Ende der Leitung. Eine zärtliche Stille hüllt mich ein, legt wieder auf. Ich komme zu mir.
Die Glocke ist verstummt; doch auch der Lärm der Lebenden ist abgeebbt. Im Moment nicht mal Hundegekläff; selbst das Selbstgespräch der Irrsinnigen pausiert. Oktober – mir ist auf der Sonnenseite heiß und gleichzeitig auf der Schattenseite kalt, wie ich da so sitze – mit meiner Zigarette, bei den anderen Alten, auf der Bank.
Ein kleiner Junge treibt den Ball über den Platz; ein großer schleppt Bier für alle an – die Kindheit kehrt nicht zurück; auch nach dem zwölften Schoppen. Jetzt aber Claudia, die Zwergfrau, mit ihrem Kinderwagen voll Puppen und eingesammelter leerer Flaschen!?
Um einen sienaroten Gummiball dreht sich die Welt – erst tollen die Kinder um ihn herum; dann hängt er unerreichbar gegen Abend am Himmel und glüht orange vor Sehnsucht nach dem ausgelassenen Glück der Kindheit!
Ein Kinderspiel die Welt … der Tod, der alte Kinderschreck, kehrt die Reste zusammen, wenn es vorbei ist. Im Jenseits, glaube ich, halten sich die Erwachsenen die Bäuche über uns und probieren das Nachlaufen.