Wohin aber zieht es die Sterne am Himmel als immer tiefer und tiefer hinab in eine seit Anbeginn stets wachsende Leere, die ein Nirgendwo ist, das überall zu Hause ist im All, und die ich in mir selber manchmal spüren kann, wenn ich allein genug bin dafür; und warum aber sieht man sie stürzen in jene zunehmend ferneren Fernen eigentlich nur, solange es dunkel ist – waren sie denn schwer genug allein nur des Nachts, oder werden sie vom Tag aufgehoben? Der strahlende Auftritt einer siegreichen Sonne in ihrem Wonnemonat Mai wird gefeiert mit Abermillionen von Blüten, in denen ihr das Schweigen der Erde aus der Tiefe entgegensteigt und sich öffnet zum Licht; und jenseits des Horizonts warten Millionen anderer Sonnen auf ihren Augenblick – hier ist er angekommen; und das Blattwerk des Ahorns gegenüber der Bank, wo ich gerade sitze, hält den Moment fest und leuchtet wie von innen vor dem schattigen Hintergrund des betulich nostalgischen Straßenbilds an einer Ecke der Bonner Altstadt – wie ein Kristall aus grünem Licht, der, wenn wieder die Brise weht, leise bebt und lebt.
Pfingstsonntag – über den kleinen Platz vor dem stillen Frankenbad tollen Kinder; ein paar von den Größeren versuchen sich mit mehr oder weniger Erfolg am Basket. Am Kaffeeroller von Frau Holle brummt das Geschäft; ebenso wie an den drei Kiosken, die sich nebst einem der in der Altstadt ubiquitären türkischen Friseure, der urbonnerischen Kneipe Nyx und einer winzigen Sushi Bar um die Platzecke gruppieren, wo sich der Autoverkehr Richtung Innenstadt und Rhein kreuzt. Hier kann man unter anderem Bier kaufen und Tabak. Auf Bänken und verschiedenen Steinquadern oder auch auf dem Boden oder auf dem Randstein zum umgebenden Grün sitzen wir: Randfiguren unserer eigenen Geschichten, die wir nicht verstehen – vom Leben Beschädigte und zu Pfingsten Erleuchtete, die Nachbarin mit dem Hündchen, Dirk, der ab und zu die silberne Querflöte spielt, ein Vater, der nebenher auf sein spielendes Söhnchen aufpassen muss, eine Großfamilie und allerhand Freundescliquen oder Einzelgänger mit verschiedenartigen Migrationshintergründen, darunter ein wehrhafter junger Mann, der einem vermutlich auch was verkaufen könnte, gläubige Veganer, ein überzeugter Falun Gong Buddhist, eine Christin, die weiter vergeblich nach Gott sucht, den sie jetzt gerade jeweils mal wieder gefunden hat, sowie ein kurdischer Sonnenanbeter mit Messerstichnarben und ein stur rechtgläubiger marokkanischer Moslem und Kalifatsanhänger, die trotzdem irgendwie miteinander auskommen, statt sich nach viele Jahrhunderte alter Tradition in Mohammeds Namen gegenseitig umzubringen, allerlei Säufer, Vorbestrafte, Traumatisierte, der Typ mit meinem Notizbuch, den sie hier Professor nennen und der das hier jetzt gerade aufschreibt, und andere Spinner, die auch alles besser wissen, dazwischen der ehemalige iranische Kindersoldat mit dem riesigen Kruzifix – philosophieren ohne hinreichenden Verstand, verbreiten letzte Gerüchte, tauschen lächerliche Beleidigungen aus oder erzählen Witze, die jeder kennt, lachen trotzdem noch einmal, prosten einander zu; dann hier und da wieder einer, der ähnlich wie ich für sich bleibt, schweigt und sich treiben lässt, beglückt vom ersten Sonnenschein nach dem monatelangen Regenwetter; und irgendwo kreist ein Joint.
„Himmelsleiter!?“ liest jetzt Angela laut vor, die vorbeikommt und mir über die Schulter schaut. „Wird das ein neues Gedicht, oder willst du dich endgültig davonmachen?“ Sie trägt einen hinreißenden Hosenanzug im Stil der Siebziger mit Schlag, ganz in Schwarz. „Ich bin doch sowieso und immer schon ganz weg von dir; und die Himmelsleiter ist bloß eine kleine blaue Blume“, gebe ich zurück, weil mir im Moment nichts Besseres einfällt, und klappe das Buch zu. Das Gedicht wäre die Leiter, auf der ein Gedanke vom Himmel steigen würde, ohne anzukommen … hier unten, am Boden der Tatsachen, sitzen wir und schwatzen und warten vergeblich auf irgendwelche Art von Erleuchtung. Gegenüber bebt wieder leise in der Brise die wie von innen leuchtende Krone des Ahornbaums – kann das denn sein, frage ich mich plötzlich, dass sich selbst das Licht vor Lachen über uns schüttelt?
Mir ward Beuel zum Greuel, und gegen Auerberg nehm ich IBU! Bin dran nur beim Arzt noch in Dransdorf. Geh kaum noch aus. Ich will nicht nach Vilich – das Musikerviertel reicht völlig.
Düs‘ ohne Umlaut zurück von Üdorf und überall auch über Duisdorf immer nur Richtung Endenich – denn da um die Ecke gleich wohne ich; find’ kein Ende nicht; weiß: dort verende ich.
Es zieht die Zeit, es deut die Dauer – mir wär’s egal, wär nur der Himmel blauer. Ich würd‘ auch so nicht merklich mehr viel grauer; doch stündlich liegt die Stunde auf der Lauer und deut – die Zeit selbst ist noch schlauer: sitzt im Nacken und zieht – sei nicht sauer!
Flitter des Augenblicks in der eisigen Luft des weißen Abends. Zwischen klirrenden Buchsbaumhecken: der klare Abdruck im Schnee gibt Gewissheit, die nichts umfasst.
Da heult eine Eule mit Scheinwerfern durch Nebel von Schwermetall; der Mond spreizt aschene Fächer, und Flügel zerhämmern das All.
Aus drei hohen, goldenen Fenstern fällt Nachtglast auf einen Wasserfall.
Ich gehe öfters vor und manchmal nach und geh immer um und um; geh vor die Tür zum Rauchen, geh möglichst aus dem Weg, geh lieber vor die Hunde; gehe nicht mit der Mode und geh selten nach Hause, sondern geh auf die Nerven oder geh auf die Bank; gehe bis an die Grenze; gehe ans Eingemachte; gehe den Bach herunter; gehe aufs Ganze oder aufs Amt, wie es kommt, oder gehe zum Arzt oder zur Arbeit, geh meiner Wege und geh bald zur Neige – gehe dahin. Say Good Bye!
Ich geh in die Knie und gehe entzwei, geh über die Wupper und ging rasch vorbei.
nachts hängt der Mond über den Brücken mit dem Gesicht einer toten Frau die eine Sonnenbrille trägt
wir haben uns die Taschen mit Vergangenheit vollgestopft um jetzt nicht zu erfrieren
hält man den Gedanken gegen’s Licht beginnt er von innen zu leuchten wie ein blassvioletter Fluorit den wir vor Jahren in der Wüste Sonora einem Grenzlandindianer abgekauft hatten
es eröffnete sich nie das stärkere Sein der Sonne die mich des Morgens vergeblich sucht
bestürzt breitet sie Schwingen über dem verwelkten Garten das Tor steht offen
auf einem Zettel steht von Kinderhand gekritzelt besteht irgendwo Hoffnung
unter der Brücke in seinem Kot liegt der alte Gärtner tot