Montag, 18. November

für Irmgard, in deren Andenken wir uns am Vortag getroffen hatten

Vielen Dank für Gestern, Irmgard. Heute war mir so kalt ohne deine geliebte Wolljacke im Büro, dass ich eben ein zweites Euro-Jackpot-Los für morgen gekauft habe. Aber selbst 120 Millionen würden mich nicht retten vor dem, was kommt.

Der Geruch von gebratener Ente beim Vietnamesen mischt sich mit dem Stresshormon Cortison, das ich aus einer Sprühflasche einatme, zu einem neuen Befremden über alles, was ich fühle.

Die Suppe heiß und würzig, der Schmerz sanft, süß und tödlich, die Liebe abwesend wie immer, die Zärtlichkeit so unabweisbar wie die Trauer, die den Sieg davonträgt.

Wenn aber das Natterngezücht meiner Wollust sich spreizt, zischt es aus altersfahlen Ventilen wie aus dem Schlund zur inneren Hölle, die mich verschlingen will und sich lautstark verrät durch Ausfurzungen der Selbstlosigkeit Luzifers, der Sprache werden möchte, damit wir ihm verzeihen: ÜLPS – das war ich!

Meine Untreue, meine Feigheit und Trägheit, sowie meine Geilheit, halten Jüngstes Gerücht über mich. Die haben keine Ahnung von mir; aber als verklemmtes Opfer katholischer Erziehung bin ich Gerüchten gegenüber von Kindheit an immer aufgeschlossen gewesen. Sie haben mich geprägt, verfolgt, gepackt, geschüttelt und durchgerüttelt, bis ich sie abgeschüttelt, also Kunst daraus gemacht hatte – Kunst macht man aus dem Scheitern, indem man die Scherben zusammenfügt zu einem neuen Bild, in dem der letzte Blick dem offenen Himmel gilt, wo ich jetzt Irmchen lachen sehe; und dies ist der Moment, sich zu verneigen.

Ich liebe dich, meine allerliebste Leserin im Himmel, und höre deinen stummen Applaus.

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