Aus der Tiefe 1 ÜLPS

als meine Hymne an den Moment und an das Schwerefeld der Erde

Gegensätze müssen sich berühren um wirklich zu sein.

Aus der Berührung von Quant und Idee entsteht Wirklichkeit: als die Gegenwart der Idee hinter der materiellen Anwesenheit ihrer Form – alles, was wir zu fassen bekommen und fassen können, ist Gestalt. Die Idee selbst bleibt abwesend, wird aber wirklich durch ihre Gegenwart in Gestalt der materialisierten Form, die sich vorstellt.

Bildhafter vorgestellt: das Quant verhält sich zur Wirklichkeit in etwa so wie die Druckerschwärze zur Schrift, die Bedeutung trägt und von Ideen spricht. Zwar bleibt der Hintergrund der Schrift – gewissermaßen das Papier, um im Bild zu bleiben – nichts weiter als das bloße Weiß, und ungestaltet als der blinde Fleck für sich: wer bist du, die alles, was sein wird, bewahrt – Gegenwart?!

Die Entdeckung des Quants hat, selbst philosophischerseits unerwartet, dem demokritischen Begriff von einer „Materie für sich“ eine konkrete Bedeutung verliehen. Der Schlüssel zur Quantentheorie liegt in der Einsicht, dass Materie für sich auf der Ebene des Quants keinerlei Identität mehr an sich hat und insofern nicht der Kausalität unterliegen kann, und deshalb aus sich selbst heraus auch keiner Zeit – die materielle Dimension ist reiner Ortsraum, in dem aller Zusammenhang quantisierter Zwischenraum ist und das materielle Ding an sich ausgedehnt.

Zeit bildet die Dimension der dazu komplementären, anderen Hälfte eines dualistischen Ganzen, des Gegensatzes zu Materie – sie ist die geistige Dimension der Wirklichkeit. Schon die Uhr an sich ist als menschliche Erfindung ersichtlich nichts anderes als Idee und hat insbesondere, im unvermittelbaren Gegensatz zum Quant, notwendig Identität an sich; man könnte sie sonst nicht eichen, weil man dazu zwei Uhren braucht. Identität aber ist im gequantelten Schriftzug der Idee das Hauptwort im Satz. Und ebenso wie die Uhr, die in der Blues-Garage der Wirklichkeit Schlagzeug spielt, ohne mehr von der Zeit zu wissen als ihren eigenen Takt, ist alle Art Gegenwart aus Idee gemacht.

Fragte man jetzt aber, wie vorher nach einer Materie für sich als der einen Hälfte des Gegensatzes, nach einem An-Sich der Idee, so wäre es notwendig selbst wieder Idee – man näherte sich der Idee hinter der Idee in mühsamer Vergeblichkeit allenfalls scheinbar, als wäre sie eine transzendente Form von russischer Matroschka, in der man auch nach dem achten, verzweifelten Versuch, bis zum Kern vorzustoßen, immer wieder noch und noch mal eine Matroschka finden würde – meinetwegen auch bis zum Jüngsten Tag. Und erst ein ÜLPS aus hermetischer Tiefe gibt letztlich Antwort, das in der Matroschka der Idee verborgen liegt ohne Anfang und Ende, im Moment aber bloß als das Hier und Jetzt.

Aus der Tiefe 1 ÜLPS bleibt aller Gegenwart Geheimnis.

Das Ganze lässt sich so wenig fassen wie insbesondere schon das eigene Leben; am wenigsten aber die Augenblicke, wenn du staunst und die Zeit den Atem anhält oder der eine Augenblick, der voraussichtlich der letzte sein wird, bevor die Zeit aufhört zu sein. Wir bleiben um den Sinn geprellt; die Welt dahingestellt als Rätsel wie die Kulisse zu einem Bühnenstück, das von Leben und Sterben handelt; fragen uns vergeblich nach der Idee, die reine Abwesenheit war, obwohl beim Wort genommen. Wer bist Du, ÜLPS – als ganz selbstbezüglich nichts als die Wirklichkeit selbst: die Idee für sich mag hinter ihrer Gegenwart im Hier und Jetzt für immer verborgen bleiben. Sie entzieht sich, mit einzig unbestreitbarer Ausnahme vielleicht einiger allgemeingültiger Naturgesetze, jeder intersubjektiv objektivierbaren Gewissheit und will subjektiv befragt, will sagen, persönlich erlebt werden. Wahrheit ist ein Land ohne Wege. Kein Wort kommt ihr zuvor.

Das Wesen der Idee liegt im Bezug: sie ist reine Gegenwart. Platos Idee der Idee ist daher in der moderneren Philosophie nicht völlig zu Unrecht in Verruf geraten: er imaginierte eine Ewigkeit und sah in ihr das Reich an sich transzendenter, ewiger Ideen. ÜLPS dagegen, als die Verschärfung jeder Idee, verortet die Idee für sich in der negativen Logik ihrer Abwesenheit. Wirklichkeit hat sie allemal, ob wahr, gut beraten, dumm oder falsch, nämlich als der eine logisch notwendige Bestandteil in jedem Akt menschlicher Erkenntnis, auf den sich jeweils die Aufmerksamkeit richten kann. Und selbstverständlich verortet sich jede Idee selbst, hier schon wieder selbstbezüglich – weil es sonst unmöglich wäre, zu argumentieren – in der hauseigenen Grammatik der Zeit aus Logik auf der Bedeutungsebene von Wirklichkeit selbst: Kausalität, zu der Identität der Schlüssel ist.

Identität bedeutet die Verfolgbarkeit des Schuldigen im Krimi der Kausalität und ist insofern die Voraussetzung für jede Art von Erkenntnis. Man käme daher, dem dualistischen Ganzen gegenüber, nicht einen Schritt auf der Bedeutungsebene weiter, wenn man den geistigen Charakter der Zeit verkennen wollte – die Idee an sich bleibt wirklich; auch wenn jede Auskunft über sie, sofern sie irgendwelche Wahrheit enthält, trotzdem immer um 1 ÜLPS hinter einer transzendenten, absoluten Wahrheit zurückbleiben wird, die dann hoffentlich einleuchten, endlich alle Gegensätze überwinden und den Dualismus von Quant und Idee in einer Ganzheit aufheben würde. Die ist uns nicht zugänglich; und wenn sie existieren würde, müsste sie identisch sein mit dem Ganzen, um Sinn zu machen.

Die Welt, laut Schopenhauer ein Nichts als Wille und Vorstellung – ein tanzender Irrwisch, der durch die Geschichte geistert als das Gespenst der Vergangenheit, das einen auf der Straße anrempelt. Was aber wäre ihr gegenüber der Geist, wenn nicht die Verortung der Gegenwart in seiner Wirklichkeit: aller Ort ist jetzt und hier – der Beobachter spitzt seine Messkanäle und sitzt im Straßencafé. Zwar nichts Konkreteres zum Anlass gibt uns Bodenhaftung als ein ÜLPS aus der Tiefe: als die Idee – schon Ort an sich war Fiktion! Da ist kein fester Ort im All! Der Planet stürzt im freien Fall in seinem jährlichen Kreis um die Sonne, die im Reigen des Sternstaubs um das noch verborgene Zentrum der Milchstraße gegen ein ferneres Nirgends taumelt, das unter Myriaden von Galaxien in eine ständig zunehmende Leere rast. Da war kein Ort – nirgends. Im All ist überall nirgends außer hier: denn was uns, wenn auch fiktiv, einen Ort zuweist, ist in Wirklichkeit Partizipation; ist unser Bezug zum Boden von Mutter Erde – jetzt: alle Schwere meint sie!

War Schwere vielleicht die eine Idee, die wie ein ÜLPS aus der Tiefe alles andere erschaffen hat, was sich uns je vorstellte als Idee – mit einem Wort, Gegenwart?! Dann wäre sie es gewesen, die der Zeit wortlos Sinn gegeben und Leben eingehaucht hätte, sie wäre die eine Idee hinter allem, was offenbar ist – sichtbar und insofern auch manifest wirklich! Wozu sonst hätte sich der Staub zusammengeballt und Sterne gezeugt, Planeten und Monde – Schwere erschuf den Boden, auf dem ich mich im Nichts des Alls verorte: denn aller Ort ist nichts als Bezug, ist Boden, ist voll seiner Schwere – ganz wie ein Loch im an sich Bodenlosen, randvoll mit Identität. Jeder Ort ist das Zeitschiff, indem er Identität an sich hat: ganz wie die alte Linde am Dorfplatz, die schon seit Jahrhunderten derselbe Ort geblieben ist. Wie schwer aber die Zeit wog, vermochte nur zu ermessen, wer selber da war.

Die Relevanz von Schwere, gleichbedeutend mit der Existenz der Welt, liefert mir den physikalischen Beweis für die Wirklichkeit der Idee. Dass Gravitation als die einzige der vier Grundkräfte, die nur von Identität ausgehen kann, indem sie die Existenz eines Schwerpunkts voraussetzt, reine Idee ist, sieht man daran, dass sie – im Gegensatz zur im Photon quantisierten elektromagnetischen Wechselwirkung – allein aufgrund der mathematischen Form des Kraftgesetzes, die Energie und Gesamtimpuls eines Mehrkörpersystems schon von sich aus erhält, ohne jedes materielle „Eichfeld“ auskommt. Es gibt kein Graviton. Schwere herrscht nicht per Austausch von Teilchen unter Quanten, wie die drei anderen Grundkräfte, sondern per Gesetz unter Dingen mit Identität – Sonne, Mond und Sterne, und auf dem Boden der Erde du und ich: Gravitation wäre vielleicht die eine magische Idee eines Schöpfungsprogrammierers, versteckt in Anweisungen der Zentrallegierung im Rechenkern des Quantenkosmos, die es brauchte, damit aus Materie von sich aus Welt würde. Frag mich nach seinem Namen, mir fiele dazu nichts ein als ein „ÜLPS“ ohne akademischen Abschluss.

Eine materielle Ursache für die Gravitationskraft, so wie sie im Falle der elektromagnetischen Wechselwirkung von Ladungen das quantisierte Feld darstellt, wäre wegen eben dieser Form des Kraftgesetzes überflüssig und ist nirgends zu erkennen. Doch ihre Wirkung ist überall im All, wo hinreichend Licht ist, nicht zu übersehen – in Form der Gültigkeit eines Gesetzes, durch das sich die Schöpfungsidee selbstbezüglich in ihrer eigenen Sprache in Form ihrer Gegenwart als Welt offenbart. Ohne Gravitation wäre nichts als das Quantenfeld für sich. Alles, was Existenz und insofern Identität an sich hat, jeder Planet, Sonnen wie Galaxien, jeder Asteroid, jeder Stein, selbst der Staub ist erst unter Gravitation geworden, durch ihre Mühlen gegangen und schwer von seiner Gegenwart.

So wie ich selbst: meine irdische Schwere erst hat mir gestattet, mich gegen den Andruck eines Bodens aufzurichten und mich umzuschauen. Was sieht man?! Nichts als Wirklichkeit, soweit das Auge reicht! Denn wo man auch hinschaut, herrscht die Idee; menschliche Ideen sowohl wie die Ideen der Natur. Menschliche Ideen herrschen unter uns, in uns und über uns jeweils nach dem Grad ihrer gesellschaftlichen Relevanz; also nicht unbedingt nach dem Wahrheitsgehalt. Auch physiktheoretische Ideen können wahr sein oder falsch; so wie die momentan alles beherrschende und alles vernebelnde Relativitätstheorie der Zeit. Wenn ich aber hier das Konzept Identität als physikalisch wirksame Idee in die Physik einführe, dann ist dies anscheinend eine ganz neue Idee: Identität ist ein so selbstverständlicher Bestandteil unserer Erfahrungswelt, dass es erst der neueren Einsicht in die Identitätslosigkeit des Quants bedurfte, um sich einzugestehen, dass Identität, als die Grundbedingung allen Seins, erkenntnistheoretisch gesehen keineswegs selbstverständlich ist, sondern selbstbezüglich als Idee und für sich genommen im Einzelfall, und dass sogar die physikalische Realität, wenn auch bisher leider nur unbewusst, objektivierbare Ideen enthält. Dazu zählt auch die Zeit. Begriffen haben das allerdings die allerwenigsten unter den heutigen Physikern.

Ich behaupte an dieser Stelle, stellvertretend für eine Physik, die auf der Stelle tritt, dass Schwere die physikalische Ursache und die Grundform des Zusammenhangs von Identitäten darstellt. Ohne diesen Bezug wäre Identität weder entstanden, noch wäre sie zu denken; wie auch eine Identität allein im ganzen All, für sich genommen, keinerlei Sinn machte. Identität kann nur entstehen und bestehen gegenüber und in Abgrenzung von anderen Identitäten – das ist die Funktion von Gravitation im gesetzmäßigen Gefüge einer Schöpfung, die sich erschafft durch Bezugnahme auf sich selbst. In dieser Art von Staat ist Schwere das objektive Maß der Relevanz von Identität, die sich spiegelt und am Ende in Menschenwesen, die im Schwerefeld der Erde am Boden leben und mit astronomischen Teleskopen den Himmel vermessen, selbst erkennt; innerhalb einer per Gesetz als logisch notwendig gegebenen Hierarchie des relativen Masseanteils, wie sie ein Sonnensystem darstellt. Sie ist insofern ihrer physisch messbaren Wirklichkeit zum Trotz eine geistige Kraft, die jedem Ding oder Gegenstand – allem, was Identität an sich hat – physikalische Relevanz zumisst gemäß seinem Masseanteil.

Wirklichkeit hat jede Idee an sich, die sich selbst vorstellt – im Rauschen der Wälder das Licht und die Idee der Photosynthese und von stummer Hingabe an das Ganze ebenso wie das eisige Schweigen der Ringe des Saturn oder die Idee des Rades als Besessenheit, die es umso eiliger hat, als es für immer neue Siege rollen muss; hoffnungslose Ideen wie die Atombombe, machtlose Ideen wie ein Gott der Liebe, fiebrige Ideen wie die Gier nach dem Geld, aber auch schneidende Ideen wie das Schwert des Propheten und anstatt Fußnoten und Kommentare so pompöse Zierlichkeiten wie der Schleier einer Frau zwischen den rasierten Stiernacken der Rechtgläubigen, die von der falschen Idee zeugen, damit wir die Blickrichtung wechseln.

Wer ist die Idee? Was ist die Idee hinter der Idee? Welche Idee hat die Idee von sich selbst; und woraus besteht sie überhaupt – als aus nichts als Idee: alles, was sich im Prinzip sagen ließe, liegt im Bezug all meiner Ideen auf- und untereinander, rätselhaft und unauflöslich verschränkt, ähnlich wie die paradoxe Korrelation der Quanten, in einem unfassbaren Gesamtzusammenhang. Doch da: 1 ÜLPS aus der Tiefe erweckt die Idee zum Leben, verleiht ihr Gestalt; wird Gegenwart; und so steht sie trotzdem eines Abends wieder da – so wie der alte Baum gegenüber, oder zapft dir hinter der Theke noch ein Bier – frag sie nur nach ihrem Namen; jede Idee kennt sich selbst und gibt Auskunft; in den meisten Fällen ungefragt. Der Baum, zwar still, gibt aber, umso beharrlicher befragt, vielleicht sogar etwas wie Wahrheit preis. Das ist nicht die Regel. Alle Ideen wollen gefallen, wenn nicht verehrt, in Einzelfällen aus dem Privatleben sogar geliebt werden; und jede Lüge war ihnen recht, jede Ausrede, jede Gefälligkeit wie jedwede Form von Anbiederung und jede Hassparole, damit du ihnen hinterherläufst und ihnen glaubst. Auch das Böse will gefallen und findet seine Anhänger, und der schönste aller Engel soll der Legende zufolge sowieso Luzifer gewesen sein.

Darum muss man jeder Art von Gewissheit misstrauen, schon die wissenschaftlichen Theorien sind wurmstichig, wenn nicht Lüge, und mancher alte Baum hat die Stammfäule. Jede Idee ist so wirklich, wie sie uns jeweils in der Gegenwart begegnet, uns von sich einzunehmen oder zu überzeugen; aber jede bekannte Wirklichkeit droht einzustürzen, schon um Raum zu schaffen für neue Ideen. ÜLPS allein nennt die Wahrheit bei ihrem Namen, der nicht existiert, doch die ganze Wahrheit enthält wie ein ÜLPS nichts als den Moment. Jede andere Idee verbirgt sie – vielleicht in koketter Absicht wie eine Frau ihr Gesicht, um dein Interesse oder gar Gefallen zu erregen und dich vielleicht für dauernd zu erobern und hinfort möglichst an der Leine von Gewissheit und Gewohnheit zu halten.

Zum Beispiel auch Bonn, neue Heimat! Ich liege an der Leine; denn sie hat es einst geschafft, mich zum Schiftstellern zu provozieren; 1 ÜLPS kommt dir entgegen als der Moment auf Schritt und Tritt von Anfang bis nach Endenich; schon fast aus lieb gewordener Gewohnheit. Auf Gewissheiten konnte ich dagegen immer schon verzichten. Ich lasse mich stattdessen gern überraschen vom zerstreuten Charme, der mir aus dem unterirdischen Metabolismus des Zusammmenhangs im Strom der Zeit gleichsam als Spiegel entgegenkommt.

Die verschlagenen Augen der Stadt folgen deinem zielbewusst schleppenden Gang am Mittag, wenn du ausgehst; ihre Blicke voll Blutwurst und Apfelmus; ihr Bedarf nach Klärung; ihre Milch voller Denkungsart; ihr Senf voll Genugtuung; ihre Nächte voller Penner.

Aber Deine Plätzchen waren voller Straßencafés und Deine Küsse voller Weidenkätzchen, damals im Frühling – und der Gang Deiner Hüften, prall voll mit Kinderlachen: ist er so leicht von meiner Schwere?!

Du aller Ideen Ich

ÜLPS

aus unzureichendem Abgrund rufen wir zu Dir!

ZEITSCHLEIFE MIT KRANZ

Was ist die Zeit?!
Die Zeit rinnt in jeden Gully!
Ein Stück Oberfläche,
mit der Haifischfinne aus dem Meer gesägt,
ist der Moment.

Seit wann hatten wir Vergangenheit gehabt?
Wir waren zurückgekehrt, erinnerst du dich?

Der Weg zur Hölle soll mit verlorenen Momenten gepflastert sein.

Später sagten sie von ihm, er hätte fast Zukunft werden können,
doch habe es ihm zeitlebens an Gegenwart gefehlt.

Er dagegen beharrte darauf, dass die Anwesenheit
des Geistes auf seiner Abwesenheit beruhe,
bis er fortging.

ÜBRIGENS

Gott schuf die Schrift aus der Tinte. Er tauchte die Feder ins ewige Fass der Quantenkorrelation und notierte auf einem Stück Nichts:

Wie lautet die Frage aller Fragen, lautet die Frage aller Fragen.

Und machte sich aus dem Quantenstaub.

DER TESTER

Er ist vom Abstreichen der Stäbchen
zu müd, dass er sich aufrecht hält.
Ihm ist, als drehte er am Rädchen,
und außer Stäbchen gäb es keine Welt.

Wie er da steht in seinem weißen Kittel,
und sich im allerkleinsten Kreise dreht,
scheint’s so, als wüsste er allein das Mittel,
damit der Zirkus auch noch morgen weitergeht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf – dann ruft er dich herein,
blickt über’n Rand der Brille –
und reicht dir deinen Schein.

Im Wartebereich

„Zentrales Warten“ steht auf dem Schild draußen neben der Tür. Ich sitze mit anderen Wartenden maskiert in der Menge und halte auf Abstand. Das ist einem ja nach zwei, drei Jahren Corona doch längst selbstverständlich … Es erscheint mir aber selbst an dieser Stelle eigentlich überflüssig, geht mir durch den Kopf, wie ich da sitze und warte, noch darauf hinzuweisen, dass uns Warten zentral ist. Selbst dann, wenn wir selbst gar nicht wissen, dass und worauf wir noch warten.

Natürlich bin ich nicht ohne Grund hier. Aber allzuviel Mut zu zeigen angesichts dessen, was auf uns zukommt im Krankenhaus und wohl unvermeidlich ist, erscheint mir gleichfalls überflüssig, nachdem mir eine Dame auf Krücken gerade draußen beim Rauchen erzählt hat, wie sie nach drei verpfuschten Hüftoperationen ein um vier Zentimeter kürzeres Bein hat, tagtäglich auf hochdosierte Schmerzmittel angewiesen ist, seit einem der Eingriffe mit einem therapieresistenten Pilz infiziert; und dass sie als nächstes in den Rollstuhl müsse. Und schlimmer: wie sie als Opfer für die Orthopädieabteilung der schwarze Pechvogel ist und mitleidlos aus dem System herausgedrängt wird; wie der Oberarzt nicht mehr ansprechbar ist und die Tür zuschlägt, damit möglichst kein Hahn mehr krähen soll nach dem, was nie passieren kann, weil es ja nicht passiert sein darf.

Ich schaue mich um im Wartebereich. Unter den Masken sind wir einander alle ähnlich geworden – mittlerweile schon fast Familie. Gegenüber auf dem großen Bildschirm läuft wie in einer Schule ein Tierfilm aus dem Zoo – Giraffen hinter Gittern. Der Mensch fühlt sich offenbar zum Wärter berufen – selbst wenn er selber gendert wie ein Papagei im Zirkus; oder wenn er uns über den Maskenrand hinweg scharf mustert und fachmännisch die hinreichende Bedeckung der Nase überprüft. Aus derselben, selber kaum oder nur unzureichend maskierten Distanzlosigkeit weisen wir uns gegenseitig auch auf den korrekten Sitz der Sprache weiter oben über der Nase hin. Wer allzu laut unter der Krise leidet oder die falschen Fragen stellt, statt nachzuplappern, was jeder weiß, kippt allzu leicht über den Rand der geschlossenen Flachwelt der Panik ins Bodenlose der Leere sozialer Ausgrenzung.

Es tritt unter Bedingungen der Pandemie überdeutlich zutage, wie einsam fast alle sind. Man weiß nicht – ist es Angst oder etwas Schlimmeres, was die Augen des jungen Mannes, der vor der Wand gegenüber sitzt, fast unsichtbar macht, selbst wenn er seine muskulösen Arme gerade mal nicht vor der Brust verschränkt, weil er auf sein Handy starrt. Ich sitze im Wartebereich und schaue mich um. Keiner schaut den anderen an. Worauf warten wir?

DAS GEHEIMNIS

Wenn alle Stricke reißen
binde ich dich an mich
Doppelkopf meiner deiner
Du Ich

Heute Nachmittag auf der Brücke hast du es mir anvertraut

Ich auch habe ich geantwortet
an einer Ampel wartend
auf dich

auf meinen Moment

entgegenkommend aus dem Trugbild der Stadt
wie ein Gesicht
das mich sucht

Die Welt ist

1 Erinnerung, solange es sie gibt, aber ich mache aus meiner Hintergrundstrahlung keine Religion.

Ich weiß, Du bist das Licht, weil es so leicht ist
und so vergänglich wie der Augenblick.
Gott sei ohne Ruhemasse, sagt man.

Heute würden alle gern mit Lichtgeschwindigkeit ihr Ziel erreichen, aber

WER IST WIE GOTT

heißt es am Eingang zum Stadion.
Ich bin Unmittelbarkeit, spricht Es aus dem Lautsprecher, aber keiner hört zu; jeder ist mit sich selbst beschäftigt;

und der Rost in den Angeln krächzt jedesmal

wenn die Tür zuschlägt.

ÜBER MICH

keine Frauengeschichten
nichts über Männer
nur von den Orten erzählen

das Gesicht ist die Maske die Welt das Gesicht
wer war Bologna
muss man fragen
und was für ein krachlederner Freak irgendwie sympathisch München
aber Köln war Chargesheimer
Chargesheimer hat sich umgebracht
und wer ist Bonn
von Tucson/Arizona oder New Haven/Connecticut ganz zu schweigen

wer geht in Lumpen
wohin geht Mubarak nach der Arbeit –
er trifft durch Zufall mich auf der Straße und wir sitzen vorm Pizza Blitz am alten Platz
und schwitzen Kaffee

und alle schwarzen Gedanken der Welt verhökere ich im Internet für lau
gegenüber das Gesicht der Stadt und ich sage laut zu ihr: Bonn
ich liebe dich

GRÜNE NARRATIVE

wie der Holunder –
voller Liebesangebote,
von denen die meisten vergeblich sein werden;
wie üblich;

oder die Birke nebenan –
voll Birke und Betörung,
und so betörend, wie nur Birken sind;
mit grünblond schillerndem Frauenhaar,
das in der Sonne funkelt;

oder der riesige Ahorn im Hintergrund,
dessen Stamm bis zur Krone überwuchert ist,
umhüllt und eingehüllt von Efeu:
voller Tiefe, die auf ein Zentrum verweist,
in dem wir alle wurzeln.

Vom Sushi der Seele

Zwei Särge sind zusammengestoßen auf dem Weg zum Himmel, weil einer die Vorfahrt für Rechtgläubige missachtet hatte. Die Engelchen zählen die Knochen. Die anderen Toten hupen; sie haben es eilig, weil keiner zu spät ankommen will zum Gerichtstermin.

Die Mauer ums Paradies ist gesichert durch meterhohen Stacheldraht; zwei Engel vom Objektschutz fummeln neben der Einfahrt nervös an ihren Maschinenpistolen.

Wir fahren dann durchs Tor und hören endlich auf zu sein; glaubt man der Wissenschaft. Anderslautenden Berichten zufolge verarbeitet eine Mafia aus Engeln unsere Seelen zu Sushis und verkauft sie heimlich an den Vatikan.

Dort tafelt der Papst mit dem Teufel, und die Engel schweben zu ihren Häupten im Freskostil. Zwar treibt der Meerrettich meiner poetischen Scharfzüngigkeit dem Teufel bald die Tränen in die Augen – er bleibt cool und findet, dass ich eine gute Seele war, kulinarisch gesehen, und scheinbar richtig scharf auf ihn und echt Sushi irgendwie.

Mich hat ja keiner gefragt.

Aber der Papst sammelt Spenden für meine arme Seele, weil er findet, dass Sushis wie ich viel zu teuer seien für arme Leute wie den Vatikan. Doch dann muss er plötzlich kotzen, weil meine Seele, ehrlich gesagt, ja auch nicht mehr ganz frisch ist.

Am Ende gewinnt sowieso immer die Mafia; und die Engel hören nie auf sich totzulachen – schon weil sie unsterblich sind.