FRÜHLINGSGEDICHT

Man soll wieder anfangen zu trainieren – das Flügelschlagen, Jubilieren – und fliehen, wenn es wieder Frühling wird; und ziehen mit dem Spiel…

und wohin zieht es dich? Zieh doch mit mir!

Ich spiel dir ein Lied vom Tod. Unter dir die leeren, weiten Ebenen der Trostlosigkeit meiner narzistischen Entzündung. Vertrocknete Zeit in den Tälern längst ausgestorbener Flüsse, die Lebensadern waren.

Über dir mein frohes Trillern:
blutleer.

Gebet vor dem Bettnässen

Paternoster immer im Kreis herum
unseren täglichen Längengrad gib uns heute
und einen guten Meridionaldurchgang
und erlasse uns unsere Schulden
wie auch wir vergeben unserer Nationalmannschaft
wenn am Tresen noch mal die allerletzte Runde steigt
Prost!
das Existential will geschmiert sein damit es nicht quietscht
wenn aus leeren Opferstöcken die jeweils Jüngste Bürgschaft quillt

denn Dein ist der Kreis und die Herrschaft
und die Pheromone der Motten
und die Säge am Knochen und
wer die längste Schleimspur hinlegt
kommt bekanntlich am weitesten
solange alle kriechen

in vorauseilender Totenstarre
arm dran

ES IST AN DER ZEIT

die Zerhältnisse zu verstören
damit sie noch einmal aufflattern
wie scheußliche schwarze Vögel
vom Aas der Seele

Es ist an der Zeit
wenn zwei brennende Türme übers Meer rennen
dass der König fällt

Dann wird die Uhr angehalten –
und wer wird die Augenblicke zählen

… Meerstern dich zu grüßen …

Und ein Augenblick wird so ganz vergehen
dass im Augenblick selbst
der Augenblick aufersteht

Es ist an der Zeit wenn das Bild fertig ist
Abschied zu nehmen
Es ist an der Zeit dass am Boden der Zeit
der welke Stein wieder blüht

Himmelwärts

Dein blauer Blick
Entgegenkommend

Dein Kopfschütteln
Lebenslang

Deine Gegenwart
Jetzt

Deine Abwesenheit
Ewig

Zukunft undenkbar
Ohne Dich

GENESIS 1

Als Gott die Schwerkraft erfunden und die Newtonschen Gesetze erlassen hatte, glitt ihm das Ganze endgültig aus der Hand.

Alles stürzte und purzelte durcheinander und raste und krachte ineinander, womit der ganze Kladderadatsch mit dem Sein und dem Nicht-Sein losging. Überall flammten Sterne auf, und es ward Licht.

Da floh Gott in den Himmel, wo ihn keiner mehr sah, und verbarg sein Gesicht. Nur sein Geist schwebte noch über den Wassern und konnte es nicht fassen, was er angerichtet hatte.

Der erste Tag.

ÜBER NIEMAND

Mein Verhältnis zu Niemand kann heute als geklärt gelten.
Und auch hier würde Niemand zustimmen,
nachdem Niemand schon von sich aus danach gefragt hätte;
aber Niemand hört mir zu und zeigt mir stattdessen einen Vogel.

Dann tanzt wieder Niemand mit mir.
Was sind wir alt geworden, sagt leise Niemand
und verbirgt ihr Gesicht in mir.
Wie von nirgendwoher Musik.
Niemand ist hier.

IN TODO DADA

Eingeborene Ausgeburten des Dilemmas taumeln mir auf der Straße entgegen − ganz besoffen von ihren Tablets und immer den Knopf im Ohr, so wie das sein muss, damit man echt ist … irgendwie, und immer mitten aus dem Dingsbums gerissen − ungefähr so wie der Zusammenhang.

Aber Regenwürmer, meterlang, im Boden.

BONNER MOMENT

Der Platz hat keinen Namen.
Nur Straßenschilder zeigen in alle Richtungen,
als wollten sie sich verlaufen.

Eine Seite des Platzes endet im Nichts reiner Geometrie –
der Marsbahnhof – Strichmuster, Glas und Beton: ein Schwimmbad.
Das gibt dem Platz Gewicht.
Zwei Kneipen, das Bistro mit der Markise geben ihm Licht,
wenn es spät wird, und ein paar Läden tagsüber Leben.

Und immer spielen drei kleine Jungs Ball;
und manchmal tragen die großen Mädchen Kopftücher,
damit man nicht sieht, was viel zu schön sein muss,
um ganz wahr zu sein.

Früher Abend, wenn dir die Stadt hier unter den Bäumen entgegentritt,
wie anderswo auf der Welt irgendein anderer Ort dich umgibt,
und dies ist meine Stadt.
Ich kenne sie bis in die Wäsche.

Händel schläft unter Bäumen,
die Sonne im Westen verbrennt.
Ein Turm döst in düsteren Träumen.
Kein Ziel ist so fern wie der Bonner Moment.

BILDBUCHSTABEN

im wehen Grün des Ahorns verraucht
ein Augenblick
im Frühling funkelnd
schießt der Ulme Flimmerherz ins Glück
und noch ein Grün ist Sensation

gegenüber liegt der Maulwurf Stadt
aufgestemmt offen
und der Himmel hängt voller Schlüssel bilden
quadratische Sonnenschirme parallele Winkel
über Biertischen
sitzen sechs Leute angeregt schwatzend
und der Mann der immer lacht ist auch da
und lacht und lacht

ein paar Rollerblades stolpern durchs Bild
und die tafferen Türkenjungs spielen Ball

nebenan versucht es vor Vergnügen quietschend
ein kleines Mädchen auf der Wippe mit der Mutter
der Vater hält erst mal den Kinderwagen fest
damit der nicht in den Sandkasten klettert
ein Hund bellt jetzt nicht

nicht zu vergessen auch die unerwähnte Frau
diesmal ohne Kopftuch
drei unerwünschte Halbstarke ohne Gehirne
drei fette Patriarchen vom Balkan die immer hier sind
schon betrunken lärmend die Gläser hebend und
hast du nicht gesehen
haben drei dralle Russinen auf Französisch um dich gewürfelt und jetzt

sieh den Poeten
aufrecht und stolz
aus den Anden herabgestiegen ins Rheintal
von zwei Frauen begleitet die folkloristische Korbtaschen tragen
zieht er gemessenen Schritts über den Platz
vorbei an den Warnschildern und Absperrgittern
in Richtung Paradies

BESUCH

Wo ich nie hinschaute – in einer staubigen Ecke zwischen Tür und Wand – wartet er schon: der Ritter vom Mars, in seiner Kapsel aus Kartonabfall und Altpapier, zwischen achtlos fortgeworfenen Versuchen von mir, auf mein Willkommen.

Er wird umsichtig den Deckel heben, umständlich aus der Luke klettern, sich recken und strecken, sich sodann verneigen und sich vorstellen: ÜLPS – das bin ich. Sich erstmal ein Pfeifchen anstecken und endlich loslegen und nicht aufhören, bis alles erzählt ist.

Das wird ein Trost sein – während im Leeren roter Sternstaub langsam rotiert und fünf grüne Gasplaneten vorübereiern und dreiunddreißig blaue Monde, löchrig zerschrammt und splittrig vereist, einer wie der andere.

Endlich wird er schweigen. Doch wir sitzen noch lange zusammen und schauen dem Rauch nach.

Aus der Nacht schwingt das Lachen der Monroe herein, federleicht wie das Gurren des Schlafbaums…

Wir sind ans Finden verloren. Einer wie der Andere.