Handchirurgie,
Verletzlichkeit -
im Kern nur Knochen, geisterhaft auf einem Röntgenbild.
Ein Rätsel, das in dir zu Hause ist, setzt sich fort in diesem Wartezimmer.
In der Cafetaria, zwischendurch, stecken zwei Schwestern gegenüber die Köpfe zusammen und turteln – schau lieber noch mal hin: die eine trägt Schnäuzer. Bruder! Alle tragen hier Weiß, denn deine Unschuld steht nicht in Frage; und deine Geschichte kennt vielleicht jeder Busch, vor dem du draußen gestanden hast, bei einer Zigarette vor der Tür, herabblickend über die Stadt im überraschenden Licht eines wärmenden Strahls vom winterlichen Himmel, der sie ihm in kleinen Böen, die dich sacht umspielen, verraten hat – schon springst du nach deinem Hut, der forthüpft.
Patient lebt.
Und eine alte Dame, sehr gebrechlich wirkend, einsam, schon nach dem Tomografen wartend, kämmt sehr sorgfältig ihren Pony über der hübschen Nasenwurzel, bevor ein junger Pfleger kommt und sie vorsichtig fortführt.
Zurück ins Wartezimmer.
Handchirurgie.
Verletzlichkeit bleibt nicht allein.
Hardthöhe, Malteserkrankenhaus
Bockshornklee
In plötzlicher Bestürzung
Kurvenlage –
die Feder sticht ins Auge,
fremd,
dem Auge gegenüber,
im Rückblick auf den engeren Kreis,
noch während man ihn schon wieder ferner umkreist
wie auf Schienen.
Unrast
Eine Tunnelbaustelle voller Lärm
sich tiefer und tiefer ins Paradox grabend und
immer näher heran an den Tresorraum des Archivs
wo der Torso aufbewahrt wird
liefert die Leinwand meines Films
der flackernde Schatten wirft
auf eine lange Mauer
im künstlichen Licht
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Nachtblüte
die Kugel in meinem Kopf
bist Du
Mutter Erde
wie in meinem Garten draußen vorm Fenster
blühst Du in mir in den unsichtbaren Farben der Abyssinien
die im Chor zu leuchten beginnen
wenn sie aus einem mir unbekanntem Grunde in meinen Tag aufgesprossen sind
unhörbar leise in ihrem ewigen Dunkel
aus dem ich geboren wurde
tiefer wissend um das Rätsel
der Mitte des verzinkten Rades
die im Geheimnis liegt
dem Gestirn wie lauschend angelehnt und
sich selbst
stumm
gegenüber
an manchen Tagen fühle ich Deine Trauer
in meiner Einsamkeit
Tröstung
viel später wissen wir
dass es immer im Bild gestanden hatte
aber dann kriegen wir es nicht mehr zu fassen
manchmal wenn es ganz still ist
blitzen zwei Augen auf
aus einem verlöschenden Blick
dann kehren die Geräusche zurück
aus dem Alleinsee steigt in kleinen Pausen
bläschenweise
Trost
Einkaufszeilen
Im Eingangsbereich des neuen Einkaufsparadieses, von der Straße die ich Endenicher Verzweiflung nenne in Richtung Endenich gesehen rechts um die Ecke mit der Tankstelle vorm alten Bunker gelegen – hinter dir, jenseits der vierspurigen Fahrbahn, die Porzellanklinik in rotem Klinker mit Zierrat der Gründerzeit und dem alten Magnolienbaum, der, jetzt harsch verschneit und nackt, furchtlos und gelassen auf den launigen April wartet – herrscht plötzlich Gedränge. Ohne Eile inmitten der Hast kommt mir ein Paar alter Leutchen entgegen und trennt sich genau vor meinen Füßen.
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Traumvater
in der seidenen Muschel des Schlafs
am dünnen Faden des Traums mit dem Kopf nach unten hängend wie an der Nabelschnur
wird mein Herz wieder ruhen
in Dir
auch das Licht hat hier reingeschaut und nichts gesehen
aber das Dunkel hat mich mit geschlossenen Augen erkannt
Traumvater
ich bin gezweit seit Urzeiten in Dir
wie das Ypsilon in meinen Genen
bin ich dein
Gebet vor dem Bettnässen
Paternoster immer im Kreis herum
unseren täglichen Längengrad gib uns heute
und einen guten Meridionaldurchgang
und erlasse uns unsere Schulden
wie auch wir vergeben unserer Nationalmannschaft
wenn am Tresen die letzte Runde steigt
Prost
das Existential will geschmiert sein damit es nicht quietscht
wenn aus leeren Opferstöcken die Jüngste Bürgschaft quillt
Denn Dein ist der Kreis und die Herrschaft
und die Pheromone der Motten
und die Säge am Knochen und
wer die längste Schleimspur hinlegt
kommt bekanntlich am weitesten
solange alle kriechen
In vorauseilender Totenstarre
Amen
Innere Auswanderung
Innere Auswanderung
von Uli Kaup
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Uli Kaup ist Dr. Ulrich Kaup, ein Physiker mit zurückblickender Forschungserfahrung im Bereich Quantenphysik an der Universität Köln (1978-1984), der Technischen Universität München (1984-1987), der Yale University (1988), der University of Arizona in Tucson (1989), und der Universität von Bologna (1990). Er vertritt eine abweichende Meinung über die Einsteinsche Relativitätstheorie, die er in einem entscheidenden Punkt für falsch hält, nämlich der dort behaupteten Möglichkeit von Zeitreisen, wie sie im sogenannten Zwillingsparadoxon formuliert ist. Weiterlesen ▶
